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WAHNSINN

Sie macht mich wahnsinnig. Alles macht mich wahnsinnig.
Ich dreh durch.

Noch während ich rauchend auf meinem Balkon sitze, rede ich mir ein, dass ich nicht wüsste, weshalb ich in der Stadt geblieben bin, aber mir ist klar, dass das nicht stimmt.
Nächsten Monat kriegt sie ihr Kind, vor anderthalb Wochen bin ich achtzehn geworden.
Ich erinnere mich noch gut daran - die ganze Scheissnacht angetrunken, abwechselnd Tabak und Dope rauchend auf der Couch, den Blick immer starr auf mein Handy gerichtet.
Sie hat sich nicht gemeldet. Sie war weg, irgendwo in Italien, mit Freunden ihrer Familie, die einen großen, gutaussehenden Sohn haben, den sie seit Ewigkeiten kennt und der ihr Surfen beibringen wollte.
Sie hat meinen beschissenen Geburtstag verpennt, verdammt, also hab ich meine frisch erreichte Volljährigkeit zum Anlass genommen, endlich abzuhauen. Endlich volljährig, weg von hier.
Erst auf der Autobahn Richtung Berlin sind durch meinen benebelten Kopf erste Zweifel aufgekommen, eine bunte Mischung aus Erleichterung und Gewissensfragen, die sich um Schuld und Verantwortung drehten.
Ich musste permanent an sie denken - Giucie in diesem beigen Kleid, ihre großen, blauen Augen, der wissende Blick, das sanfte, leicht schiefe Lächeln, mit dem sie mich so oft angeschaut hat. Wie ich mich neben ihr unreif fühlte - neben einem Mädchen, das gerade erst fünfzehn geworden ist.
Bei der Erinnerung an das Kleid bleibe ich hängen, schnaube, als ich daran denken muss, wie sie in der Küche stand und den Kühlschrank durchsucht hat, meinen Blick über die Theke im Nacken und meine Gedanken, die sich nur darum drehten, mich hinter sie zu stellen und sie dorthin zu küssen.
Meine Fresse, wie oft ich mir ausgemalt hab, sie flachzulegen.

Ich könnte über mich selber lachen. Tino hat so oft gesagt, dass ich das alles haben könnte. Ich hab kein einziges Mal mit ihr darüber geredet, sie wusste es gar nicht. Sie ist so naiv. Ich bin ein Typ, verdammt. Ein Vergewaltiger mit meinem Verlangen nach ihr hätte sie längst totgevögelt.
Ich stand ständig im Konflikt mit mir selbst - mein Drang, sie völlig grundlos vor allem zu beschützen, inklusive irgendwelchen Arschlöchen und Sex, dann dieses gottverdammte Verlangen danach, ebendiesen mit ihr zu praktizieren.
Meine Hormone spielen verrückt. Alles bringt mich um. Ich weiß nicht, wo ich die Kraft hernehme, sie nicht ernsthaft einfach flachzulegen. Rein körperlich bin ich ihr hoffnungslos überlegen, sie hätte keine Chance. Es hat mich unglaubliche Mühen gekostet, mich unter Kontrolle zu halten - wenn ich viel getrunken hatte, versuchte ich, sie nicht in meiner Nähe zu haben - aus reiner Angst, ich könne mich verlieren.
Bei ihr kann ich für nichts garantieren.

Klar hätte das alles keine Zukunft, schließlich werde ich nächsten Monat unfreiwillig Vater. Überflüssig zu erwähnen, dass Giucie nicht die Mutter ist.
Sehr erwähnenswert ist dagegen die Tatsache, dass mein Marathon gefühlsloser Sexaffären durch die Feststellung ebendieser Schwangerschaft unterbrochen wurde und ich seit acht Monaten keinen Sex mehr hatte. Einerseits, weil ich mich normalerweise hormontechnisch top unter Kontrolle hab, andererseits, weil durch dieses Kind meine Welt zusammenbrach und ich gewissermaßen von Sex kotzen könnte.
An der Stelle ist Giucie die Ausnahme, weil sie mich echt an meine Grenzen bringt. Seit Monaten.

Keiner weiß, dass ich wieder da bin - vor ein paar Stunden angekommen, sitze ich jetzt wieder in meiner alten Wohnung, während alle anderen weiterhin davon ausgehen, dass ich in Berlin bin.
Ich hab nach langen Gesprächen mit Giucie den Entschluss gefasst, hier zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und ein guter Vater zu sein. Oder zumindest für das grade zu stehen, was ich ausgefressen hab. Ohne Yasmin, aber für die Kleine wollte ich da sein.
Giucie wird denken, ich hätte das alles nur gesagt, um ungestört zu sein, und mich, sobald ich achtzehn geworden wäre, aus dem Staub zu machen.
Aber es hat mich einfach fertiggemacht, dass sie meinen Geburtstag verpennt hat, die Verlockung, endlich dauerhaft nach Berlin zu fahren, war plötzlich so nah, und ich war betrunken und steigerte mich in meine Gedanken hinein.
Ich wollte nicht einsehen, warum ich mich um ein Kind kümmern und zahlen sollte, das ich gegen meinen ausdrücklichen Willen von einer naiven ***** bekam. Wo ist da das Menschenrecht? Wer greift ein, wenn meine Welt zusammenbricht, weil ein offensichtlich zukunftsloses, assoziales Mädchen entgegen aller Vernunft unbedingt ein Baby will??
Und am Ende war ich einfach nur noch müde. Müde, Yasmin ständig anschreien zu müssen, sie solle sich verpissen, weil ich ihr von Anfang an gepredigt habe, dass ich mit ihr nichts mehr zu tun haben will, müde davon, Giucie permanent zu vermissen und mich mit aller Kraft zusammenzureißen, wenn sie bei mir war, um keine Dummheiten zu machen, mich von ihr loszureißen, wenn wir doch aneinandergerieten und die Situation außer Kontrolle geriet, müde davon, ein Leben zu leben, das noch vor acht Monaten ein Traum gewesen wäre, perfekt zu mir gepasst hätte und gerade wieder in den richtigen Bahnen lief, und das durch einen einzigen Anruf, ausgerechnet an Silvester, komplett in sich zusammenbrach.
27.8.11 02:30
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


L. (27.8.11 15:04)
Du schreibst so unglaublich emotionsgeladen..


Lawl (27.8.11 15:06)
Scheiße, soll ich dir was sagen? Dein Schreibstil ist göttlich, von allen Einträgen.

Das, was du für diese Giucie empfindest.. wow. Wie du mit ihr umgehst. Das ist der Traum jedes Mädchens, solche Gefühle in jemandem auszulösen, dass er so mit sich kämfpen muss und so selbstlos handelt. Ich beneide sie.


Broken.Pride (28.8.11 23:42)
Ich denke, dass ich mich meinen beiden Vorschreibern nur anschließen kann. Es ist fast, als würde man ein Buch lesen, eine Biografie, aber nicht diese langweilig daher gedankenkotze die sich meistens nur verkauft, weil sie von irgendwelchen Promies stammt deren besessene Fans eben einfach ALLES wissen wollen.
Wäre dein Blog ein Buch, stände es in meinem Regal, obwohl ich Biografien definitiv zum kotzen finde!

lg

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