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SECOND KING KONG

So, wer hätte es gedacht, mein Sexualtrieb kehrt zurück - oder besser gesagt, ich habe mir eingestanden, dass ich langsam so weit bin, dass meine angewiderte Denkweise von Yasmin ihn nicht länger unterdrückt.
Der Auslöser dafür war - welch Überraschung - Giucie.

Die stand nämlich vorher mit zerzausten Haaren in einem weiten Herren-Kaschmirpullover, der nicht von mir ist, vor meiner Wohnungstür.
Ich starre sie an, sie starrt zurück.
Eine Minute später kommt ein großer Typ hinter ihr die Treppe rauf, den sie mir als Mäx vorstellt, geschätze sechzehn, aber aus Mädchensicht heraus vermutlich enorm gutaussehend, ordentlich reifer Körperbau und entspannte Haltung. Kurz, jemand, dem man ansieht, was er für Erfahungen bezüglich seines Selbtbewusstseins mit Mädchen gemacht hat.
Kingt das schwul? Ich kann garantieren, ich hab nicht die Ufer gewechselt, aus mir spricht die reine Eifersucht.
Ich habe plötzlich das Bedürfnis, mir das Hemd aufzuknöpfen - nein, besser aufzureißen, und dem kleinen Mann mal ordentlich zu zeigen, mit wem er sich hier angelegt hat.
"Also..", seufzt sie.
"Chris.", stelle ich mich trocken vor.
"Das ist Chris?", fragt der Typ mit einem Blick, der meine Eifersucht zumindest teilweise schnell in selbstzufriedenen Wohlgefallen auflöst. "Alter."
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
"Jo. Falls dir das mehr sagt, Mäx ist der Typ, mit dem ich Tanzkurs machen musste." Klingt geschrieben härter, als es wirkt. Er lächelt sie an. Ich lächel nicht.
"Chris, lass mich mal kurz rein.", unterbricht sie unsere - meine - imaginäre Revierschlacht und schiebt sich erstaunlich elegant an mir vorbei.
"Willst du was trinken?", frage ich den Typ mit deutlichem Hang zur Rhetorik und erwarte ein höfliches Nein.
"Hast du Alkohol?"
Mit den Zähnen knirschend frage ich mich, ob es möglich ist, den Typ irgendwie abzufüllen, komme dann aber auf ein deutliches Nein. Leider an falscher Stelle.
"Wieso bist du eigentlich hier?", frage ich, gebe die Tür frei, indem ich mich in Richtung Wohnzimmer umdrehe, und lasse den Typ quasi erst jetzt wirklich rein.
Giucie hat mein Macbook auf die Sofalehne gestellt, fährt schnell mit zwei Fingern über das Touchpad und verfolgt das Flackern auf dem Bildschirm.
Ich lege beim Anblick ihres Hinterns den Kopf in den Nacken. Scheiße, bin ich notgeil, was das Mädel angeht. Sowas ist mir vor ihr echt absolut noch nie passiert.
"Schon okay, ich habs. Sind ein paar Dateien, die Tino für die Südwestpresse braucht."
Erst jetzt fällt mir der Stick auf, der an der Seite steckt.
"Süße, du weißt, dass das vertraulich ist?"
Sie lacht, das helle Lachen, das ich so liebe.
"Er hätte dich auch fragen können, aber du hättest es sowieso vergessen. Hab mir bei der Gelegenheit übrigens gleich ein paar von den neuen Alben rübergezogen.", antwortet sie, klappt das Macbook zu, zieht den Stick raus, geht in die offene Küche, holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und macht es auf. "Phillip und Arne haben einen richtig fetten Auftrag in Köln bekommen und wollen dich dabeihaben. Er hat dich angerufen, aber anscheinend gehst du nicht mehr an dein Handy."
"Das war Absicht."
"Schön, Absicht umgangen, jetzt weißt dus.", antwortet sie und lacht. Ich will wissen, ob der Typ was mit ihrer guten Laune zu tun hat.
"Achso, eine Sache noch.." Sie zieht zwei Schlüssel aus ihrer Hosentasche. "Das ist Joshs Autoschlüssel und das hier ist dein dritter Wohnungsschlüssel..", ich will gerade Einspruch erheben, als sie einfach weiterredet, "den Josh seit Monaten hat, weil du zu blöd bist, drauf aufzupassen."
"Warte, ich hatte drei? Wo ist der dritte?"
"Verdammt, Chris.", stöhnt sie. "Das würd ich auch mal ganz gerne wissen."
"Und was soll ich mit Joshs Autoschlüsseln?"
"Frag ihn. Das hier ist übrigens die Adresse von dieser Autowerkstatt, in der er letzten Monat Manager geworden ist. Er meinte, du sollst mal vorbeikommen und dich um irgendwas Marketingmäßiges kümmern.", fügt sie hinzu und legt mir einen Post-it-Zettel neben die Schlüssel.
Ich komme mir irgendwie blöd vor.
"Wars das?"
"Was erwartest du denn noch?", fragt sie.
Oh, du.. wenn du schon fragst..
"Keine Ahnung, was tut er denn hier, zum Beispiel?", frage ich.
"Mäx?" Sie zuckt die Schultern. "Wir waren vorher noch am Baggersee, bin sowieso grad vorbeigefahren und musste bei dir vorbei, und er ist eben mitgegangen. Wusste bis vor fünf Minuten nicht, wo er gleich landen wird.", sagt sie und grinst amüsiert.
"Hast du was mit dem?", frage ich gedämpft. Der sitzt währenddessen auf meiner Couch und blättert sich durch mein Journalistenzeug.
"Wir haben beschlossen, uns an Silvester gegenseitig zu entjungfern, sofern wirs bis dahin nicht mit irgendwelchen plötzlich auftauchenden Beziehungen tun werden, aber ansonsten nein, nichts, wo Gefühle im Spiel wären. Gute Freundschaft und reine Neugier.", antwortet sie trocken.
"Achso, ja. Ist der Pullover eigentlich von ihm?"
Sie lächelt mild. "Nein, der ist von dir. Darf ich ein paar Flaschen Bier mitnehmen?"
"Klar. Geht ihr?"
"Muss ich ja, hab nachher noch Tennistraining."
"Achso."
Der Typ steht mit ihrer Handtasche und die Kaschmirstrickjacke in der Hand vor der Tür.
"Giucie,", murmel ich, als sie sich umdreht, "das mit Silvester war aber nicht dein Ernst, oder?"
Sie lacht. "Der Entschluss ist gerade zwei Wochen alt, aber ich glaub, er hat es ernst gemeint."
Ach du scheiße. Abgesehen von einem heftigen Ziehen etwas weiter unten wird mir irgendwie schlecht.
11.7.11 21:04
 


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