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AUSFALL

Um halb elf verlasse ich, zusammen mit Emma, die Redaktion. Halb elf, verdammt.
Sie stöckelt mir in ihren hohen Schuhen den Bürgersteig hinterher, bis ich vor Joshs Auto stehen bleibe.
"Emma, was machst du?", seufze ich.
"Willst du noch schnell.. was trinken gehen?"
Ich werfe ihr einen halb genervten, halb überraschten Blick zu. Sie beißt sich auf die Lippe. Ich glaube, ich mache sie nervös.
"Wohin willst du?", frage ich.
"Weiß ich nicht, je nachdem, also.." Gegen Ende verliert sich ihre Stimme zu einem Piepsen. Langsam fängt das Spiel an, mir Spaß zu machen.
"Klar." Ich halte ihr mit einer etwas überzogenen Geste die Autotür auf. Sie schaut mich nervös an. Verdammt, was hat das Mädel denn? Sonst ist sie immer hübsch adrett, etepetete mit einer deutlichen Spur Arroganz.
Ich seufze. "Du willst nur nicht alleine nach Hause?"
"Nein.. nein, das ist es nicht."
"Sondern?"
"Chris, hast du einen Führerschein?"
Ich muss lachen, lache und lache, nur, um die Antwort rauszuzögern.
"Nein.", sage ich schließlich.
Sie seufzt, wirft einen prüfenden Blick auf Joshs Wagen.
"Na gut, was solls.", antwortet sie unsicher und steigt ein.

"Weisste, mir is da sowas klargeworden.. ichmein, Chris, ich bin sooo unglaubblich biiieder..", lallt sie.
Ich seufze bei dem Anblick. Wir haben in einer harmlosen Bar angefangen, aber dann wollte sie unbedingt in diesen Club.
"Emma, du hast zu viel getrunken."
"Naaaa..."
"Uuh. Du hast ´ne ordentliche Fahne."
"Sammaa, aber du has doch auch..?"
"Ich vertrag Alkohol ganz gut.", antworte ich trocken und ziehe sie von ihrem Barhocker.
"Mein Glaaass is aber nochnich.. lea..CHRIS!"
Ich stöhne, kippe ihren WodkaTonic und stelle das leere Glas zurück auf die Theke, bevor ich kurz die Getränke bezahle.
"Chris.", jammert sie.
Ich komm mir vor wie mit einem kleinen Kind, und jetzt das - ausgerechnet mit Emma, der biederen, frühreifen Emma, die so gerne Mutter für mich spielt.
"Chris, ich willn Bier.", lallt sie.
Seufzend ziehe ich sie bis zu meinem Auto, setze sie auf den Beifahrersitz und will gerade um das Auto herumgehen, als sie auf der anderen Seite schon wieder die Tür aufreißt und auf die Straße stolpern will.
"EMMA!", rufe ich entnervt, drücke sie zurück in den Sitz, schnalle sie an und ziehe den Gurt fest. Mein Plan geht auf. Sie bekommt in dem Zustand den Gurt nicht wieder gelöst.
Zumindest kurzzeitig erleichtert lasse ich mich auf der Fahrerseite in den Sitz fallen.
"Emma, wo wohnst du?", frage ich.
"Was?"
"Wo du wohnst?"
"Äääh.. weisichnich."
"Wunderbar.", stöhne ich, reiße ihr ihre Handtasche aus den Händen, weil sie sie ums Verrecken nicht hergeben will, und suche ihren Geldbeutel, um irgendwo ihre Adresse zu finden. Der Geldbeutel finde ich nicht, in der Handtasche ist nur ihr Handy. Neben mir fängt das Gezeter an, als ich anfange, dessen Adressliste durchzublättern.
"Sei mal bitte einen Moment ruhig, ja?", seufze ich. "Wo ist dein Geldbeutel?"
Sie schaut mich durch verschleierte Augen an.
"Weisichnich."
"Personalausweis?"
"Häääh?"
"Wo ist dein Personalausweis?"
"Äääh.. weisichnich."
Stöhnend schlage ich mir eine Hand vor den Kopf. Einfach hierlassen kann ich sie natürlich nicht, obwohl das für mich ziemlich amüsant wäre.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie mitzunehmen.
Noch auf der Autofahrt rutscht ihr Kopf auf meinen Arm, den ich auf der Gangschaltung hab. Als ich auf der Straße vor dem Altbauhaus stehe und sie vorsichtig aus dem Auto hebe, um sie nicht zu wecken, hab ich einen faszinierend großen Sabberfleck auf dem Hemd.

Oben in der Wohnung wacht sie wieder auf, nachdem ich sie drei verdammte Etagen auf den Armen hochgetragen hab.
Glücklicherweise weiß ich aus Erfahrung, wie man mit Besoffenen umzugehen hat, sodass ich sie ziemlich schnell ruhig und ins Bett bekomme.
In mein Bett, wo sie natürlich sofort einpennt.
Ich setzte mich mit einer Flasche Rotwein und einer Kippenpackung auf die Couch, ziehe meinen Laptop auf meinen Schoß, fange an, noch ein bisschen zu schreiben, und denke mir, während ich so vor mich hinqualme, dass es ein Jammer ist, dass sie sich morgen an nichts mehr erinnern wird.
8.7.11 23:01
 


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