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FAVOURITE-RENTNER

Ich hab höllische Rückenschmerzen, als ich am Sonntagmorgen aufstehe, und brauche einen Moment, bis ich realisiert habe, dass mein Wecker es ernst meint mit der Uhrzeit. Drei Uhr Nachmittags.
Soweit ich mich erinnern kann, war ich ungefähr um Mitternacht im Bett. Ich bin gestern noch absichtlich früh schlafen gegangen, hab davor noch ein bisschen gearbeitet, alles in allem zur Abwechslung mal eine ganz vorbildliche Sache..
Benommen fange ich an zu rechnen und komme auf fünfzehn Stunden Schlaf, bevor ich genervt feststelle, dass ich mir die Mühe hätte sparen können, weil man von null auf fünfzehn auch ohne Rechnen kommen kann.
Seltsamerweise fühle ich mich nicht sonderlich ausgeruht, aber zumindest der Rest hält sich in Grenzen.
Nach der ersten Zigarette des angebrochenen Nachmittags, dessen Rest wohl meinen Tag darstellen wird, hieve ich mich aus dem Bett und stöhne prompt auf. Gelenke knacken, meine Wirbelsäule fühlt sich an, als hätte ich sie seit Jahren nicht mehr benutzt. Meine Rückenschmerzen würden denen von dem cholerischen Rentner, der früher neben uns gewohnt hat, Konkurrenz machen.
Mein Shirt klebt an meinem Rücken, mir ist heiß und mein Durst bringt mich schier um.
Im Kühlschrank stehen unter anderem zur Abwechslung mal Literflaschen mit Leitungswasser, von denen ich anderthalb kompromisslos sofort leere, bevor ich duschen geh.

Wenige Minuten später werfe ich die Wohnungstür zu und laufe eilig durchs Treppenhaus.
Im ersten Stock schließt Frau Hildebrandt gerade ihre Türe zu, wahrscheinlich will sie mit der Wurst von Hund, die mit halbgeschlossenen Augen neben ihr vor sich hinvegetiert, mal wieder Gassi gehen.
Ich konnte Dackel noch nie ausstehen. Allein ihr Gang macht mich aggressiv - die Viecher zu züchten müsste verboten sein. Keinem Hund sollte man es zumuten, einen Körper zwischen zwei dermaßenen Stummelbeinchen herumschleifen zu müssen, der dreimal so lang ist, wie er sein sollte.
Ich weiß nur, dass Frau Hildebrandt einen Enkel hat, der aussieht wie dieses Kind von den Zwiebackpackungen, nur noch fetter, was vermutlich der einzige Grund ist, weshalb ich mir ihren Namen merken kann.
Sie schaut mir misstrauisch hinterher, als ich an ihr vorbeilaufe.
"M´am?", grüße ich sie kurz, halte zwei Finger an den Kopf und muss grinsen, als ich aus den Augenwinkeln noch ihren fassungslosen Blick mitbekomme.
Sowas bessert einem ungemein die Laune.
Unten auf der Straße geht das Ganze gleich weiter, indem mir meine zweite Favourite-Rentnerin aus der Nachbarschaft entgegenkommt. Ihr Name war mir entweder nie bekannt oder irgendwann entfallen, jedenfalls wohnt sie im Erdgeschoss unseres riesigen Altbauhauses und hat ebenfalls einen Hund, allerdings einen dreckigweißen Pudel, bei dem mir die Frage aufkommt, welchen der beiden Hunde ich schlimmer finden soll.
In dem winzigen Gärtchen vor dem Haus steht ein alter Korbstuhl, in dem sie oft in der Sonne sitzt und, ähnlich wie der Dackel aus dem ersten Stock, vor sich hinvegetiert.
Mit dem kleinen Unterschied, dass sie blutjungen Männern nachstiert.
Als sie mir entgegenkommt, lege ich den Kopf schief, während ich meine Post aus dem Postfach ziehe.
Sie hat einen seltsamen Grünschimmer in ihrem üblichen blond-grau, der mich stutzig macht.
Trotzdem unterstreicht es ein Phänomen, für das ich ihr seit längerem dankbar bin; Ihre Haare sehen aus wie eine frisch geschnittene Hecke, akkurat und etepetete, etwas, was die Nachbarn auf Abstand hält.
Die Hausbewohner teilweise auch.
Der Grünschimmer gibt dem ganzen den letzten Schliff. Zufrieden lächele ich sie an, als sie sich an mir vorbeidrückt. Sie macht ihre Sache gut.
Schlucken muss ich erst, als sie mein Lächeln auf eine Art erwidert, die einen kleinen Jungen mit Sicherheit bis an sein Lebensende traumatisiert hätte. Ich hatte vergessen, wie ihr Verstand manchmal arbeitet. Es ist nicht leicht für einen Mann, von einer alten Frau Ende sechzig so angeschaut zu werden. Das ist irgendwie widerlich.

Obwohl Sonntag ist, sind ein paar Leute in der Redaktion.
Vorbildlich, der junge Herr, geht früh ins Bett und arbeitet Sonntags.
Ich hab Glück, dass überhaupt jemand da ist; mein Büroschlüssel ist nämlich seit Wochen flöten.
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5.6.11 17:39
 


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NoHeroIn / Website (5.6.11 20:27)
Hui, ein Blogeintrag in dem keine 15jährige Autorin (76kg, Zielgewicht 42kg) eine verschwindend geringe Anzahl an Lebensmitteln aufzählt, die sie heute zu sich genommen hat; das Mc-Donalds-Whopper-Menü bewusst weglassend, um am Ende zu schreiben, sie sei ja sooooo fett und wertlos, damit alle ihre Ana-Freundinnen ihr sagen können, dass sie toll und stark ist und ihr unrealistisches Ziel bestimmt bald erreichen wird, obgleich sie insgeheim hoffen, dass sie es nicht tut.

Es ist mir ein innerer Reichsparteitag, sowas zu lesen!

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