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HAHNENKRIEG

Jim jagt einen Aufschlag übers Netz, den ich nur knapp zurückschlagen kann.
Der Ball scheint höchstens jede zweite Sekunde überhaupt mal aufzukommen, flache Bälle, harte Schläge.
Wumms. Wumms. Wumms.
Jeder Schlag donnert durch die leere Halle wie ein Schuss.
Er grinst und haut ein paar Kurze rein, die mich ordentlich ins Schwitzen bringen. Wie lange hab ich nicht mehr so ausdauernd trainiert? Wir spielen seit knapp einer Stunde in dem Tempo.
Jim tut gerne so, als würde ihm das hier nichts ausmachen, aber ich merke ihm an, dass er langsam müde wird. Er überspielt es und grinst weiter. Reine Provokation.
Ich kann den Typ nicht ausstehen. Als ich vorher einfach in der Halle aufgekreuzt bin, weil ich richtig miese Laune hatte und mich mal wieder ordentlich auspowern wollte, hab ich nicht damit gerechnet, von ihm herausgefordert zu werden.
Was braucht der Typ? Beachtung? Aufmerksamkeit? Bestätigung?
Keiner von uns fordert andere dermaßen arrogant auf, als ob Tennis ein Wettbewerb wäre, den wir alle unbedingt gewinnen wollten. Aber es hat zu meiner Laune gepasst und die Vorstellung, Jim mal eins reinzuwürgen, fand ich nicht schlecht.

Julian sitzt seit einer Stunde mit verschränkten Armen auf der Bank neben dem Netz und beobachtet aufmerksam alles, was wir tun, daneben sitzt Felix. Er ist eine halbe Stunde danach gekommen und es scheint ihn dermaßen zu interessieren, wie das Ganze ausgeht, dass er einfach sitzen geblieben ist. Die zwei verfolgen jeden Schlag, statt einfach selbst miteinander zu spielen.
Fast schon knurrend haue ich Jim ein paar Bälle entgegen, die er nur knapp bekommt.
Er springt und schlägt von oben.
Konzentration auf den Ball, nie den Ball aus den Augen verlieren. Nicht nachdenken.
Ich nehme das kleine, gelbe Ding nur noch aus der Ansicht wahr, die ich am meisten gewöhnt bin - leicht verschwommen; ein gelber Streifen, den es übers Netz zu hauen gilt. Man kommt kaum mit.
Nicht denken. Bei der Geschwindigkeit, in der wir nach jahrelangem Training mittlerweile spielen, macht man Fehler, sobald mal anfängt, nachzudenken.
Erhöhter Blutdruck, ich höre mein Blut in den Ohren rauschen und spüre jeden einzelnen Muskel.
Aggressiv schlage ich das Teil mit einem hübschen Knall wieder auf die andere Seite. Jim hat Mühe, ihn zu erwischen. Wenn ich eins beherrscht, dann harte, schnelle Schläge. Seine Stärke sind eindeutig Aufschläge, aber ich gebe ihm wenig Möglichkeiten dazu, das auszunutzen.
Ich lasse meine ganze Aggression an dem Ball aus, und Jim bekommt das hart zu spüren.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich Julians breites Grinsen.

Dann erwische ich einen seiner Bälle nicht ganz so gut.
Er ist zu hoch und zu langsam, ein regelrechtes Geschenk an Jim, der jetzt hochspringt und den Ball ähnlich wie einen Aufschlag von oben auf meine Seite donnert.
Innerhalb eines Sekundenbruchteils reißt er das Maul auf und will mich gerade mit Genugtuung konfrontieren, als ich seinen Ball relativ gut doch noch erreiche, ein letztes Mal aushole und den letzten Schlag des Matches mit einem aggressiven Knurren auf seine Seite jage.

"Fett, Alter!", ruft Felix fassungslos, Julian springt grinsend auf.
Schwer atmend stehe ich mitten auf dem Platz, den Schläger nur noch locker im Griff, spüre mein Blut pulsieren und jeden einzelnen Muskel. Mein Arm schmerzt wie die Hölle.
Jim braucht einen kurzen Moment, um zu blicken, was passiert ist. Keuchend, aber definitiv wütend, starrt er mich an.
"Immer aufmerksam bleiben, Jimmy.", ruft Felix grinsend, aber er beachtet ihn gar nicht.
"So. Und jetzt?", fragt Jim heiser über den Platz, reckt den Hals und sieht mich mit zusammengebissenen Zähnen an. "Irgendwelche selbstzufriedenen Vorträge?"
Einen Moment lang sage ich gar nichts. Julian und Felix laufen mit unseren Schlägertaschen an mir vorbei und schlagen mir kurz auf die Schulter.
"Nicht schlecht fürn Kettenraucher.", lacht Felix.
"Chris, komm schon. Ich weiß, dass dir irgendwas auf der Zunge liegt.", spottet Jim. "Sag einfach, du hast mich fertiggemacht, dann haben wirs hinter uns. Mach schon, ein bisschen Genugtuung."
Ich schnaube missbilligend, drehe mich um und folge Julian, der meine Tasche hat.
"Der Verlierer zieht den Platz ab, Jimmy."
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23.5.11 20:27
 


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