PLACEBO - @ myblog.de
LADENSCHLUSS

"Chris, das hier ist nicht Disneyland!"
"Was soll das denn jetzt wieder heißen??"
Ian steht neben mir und schaut gereizt zu, wie ich in dem Papierberg auf meinem Schreibtisch grabe. Wozu hab ich den eigentlich? Ich bin doch sowieso fast nie hier. Genau genommen bin ich nichtmal fest eingestellt. Meistens arbeite ich von zu Hause aus.
"Komm schon, reiß dich zusammen. In ein paar Wochen wirst du achtzehn!"
"Was habt ihr alle mit meinem Geburtstag?", frage ich genervt.
Ian seufzt und schaut verwundert der kleinen Miss Braun nach, die mich linkisch anzwinkert.
"Was hast du denn mit der angestellt?", fragt er.
"Gar nichts. Sie hält mich für pervers, weil ich ihr versehendlich deine Auszüge für dieses eine Buch zum Kopieren gegeben hab, dieses..."
"Voyeur?"
"Genau. Das mit diesem Exhibitionist."
Ian grinst breit.
"Ian, nerv mich nicht.", stöhne ich. "Du wolltest mir einen Vortrag halten, also bitte bleib dabei, ja? Stimmungswechsel kommen nicht gut, wenn man jemanden zusammenscheißt."
Aber er lächelt nur noch gutmütig.
Ian ist sechsundzwanzig, arbeitet seit Jahren hier und ist für mich so etwas wie ein Mentor geworden. Ich mag ihn wirklich und war von Anfang an froh, mit jemandem wie ihm zu arbeiten; er ist routiniert, eins der höheren Tiere, und er weiß, wie es läuft.
"Chris, du packst das schon, aber reiß dich zusammen, ja?"
Ich richte mich auf und schaue ihn an. Ian ist einer der wenigen, die genauso groß sind wie ich, was für mich ziemlich angenehm ist. Ich glaube, ich hätte Probleme damit, mir sowas von einem kleinen Mann ans Herz legen zu lassen - was das angeht, bin ich wohl irgendwo in der Evolution hängen geblieben.
"Klar.", antworte ich.
Ian klopft mir kurz auf die Schulter und geht.
"Ian?", rufe ich ihm hinterher.
Er dreht sich im Gehen um und läuft langsam rückwärts weiter.
"Was ist mit deinen Auszügen?"
Er grinst. "Kannst du behalten. Hab sie mir selbst besorgt, wenn ich auf dich hätte warten müssen, wär der Entwurf nie fertig geworden. Schenk sie Anna."
"Wem?"
"Frau Braun. Deine kleine Freundin." Ian dreht sich um, immer noch breit grinsend, und verschwindet in seinem Büro. Anna. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre, aber wenigstens weiß ich jetzt, wie sie heißt.

In der Redaktion herrscht das bereits gestern vorhergesehene Chaos, allein Ian scheint zwischen den herumrennenden Leuten entspannt zu bleiben. Ich setzte mich wieder an meinen PC und schick die Entwürfe per Email an den zuständigen Redakteur, weil ich offiziell als freier Autor arbeite und deren Artikel nach Vorschrift erst von Redakteuren geprüft werden müssen.
Mein PC meldet sich mit dem gewohnten pliiiing wegen einer Email von Herrn Paal, dem Redakteur, in der steht, dass er meine Entwürfe erhalten hat und sie durchschauen wird. Ich lehne mich zurück, krame in einer der Schubladen nach ein bisschen Papierkram, finde mehr, als ich gehofft habe, und mache mich halbherzig daran, das Zeug zu bearbeiten.
Ich weiß, es klingt so, als hätte ich in der Redaktion nicht viel zu tun, aber das habe ich auch nicht. Ich schreibe meine Texte abends zu Hause, das ist meine beste Zeit, und als Autor hab ich sonst eben relativ wenig anderes zu tun. Vor einigen Wochen erst hab ich mein Abitur geschrieben und kann mich jetzt voll auf den Job konzentrieren - so lange, bis ich mir zwangsmäßig Gedanken übers Studieren machen muss. Aber bis dahin bleibt mir noch viel Zeit; Dieses Jahr sind die G8- und G9-Jahrgänge zusammengefallen und die Unis hoffnungslos überfüllt, aber ich bin ohnehin über ein Jahr jünger als die anderen, also kann ich mir Zeit lassen.
Langsam leert sich das Büro, aber viele sind selbst oder gerade jetzt, um halb zehn, noch in der Redaktion. Die Leute hier sind locker, was Arbeitszeiten abgeht; Es ist ihnen egal, wann du dein Zeug machst, solange es erledigt wird und vorliegt, wenn es gebraucht wird.
"Chris, komm mal!", ruft Paul aus seinem Büro und reißt mich wieder aus meinen Gedanken.
Paul Speer ist ein hochgewachsener, humorvoller Grafikdesigner mitte dreißig, der hier die Bildredaktion leitet und fürs Layout zuständig ist, um das ich mich ebenfalls kümmere. Ich mag ihn; Er ist locker und wir können gut zusammen arbeiten.
Eigentlich mag ich meinen Job, er ist perfekt für mich. Ich hab mit zwei der Dinge zu tun, die ich wirklich draufhab: Schreiben und dieses Grafikzeug. Außerdem habe ich keine festgelegten Arbeitszeiten, sonst wäre ich wohl längst geflogen.

"So Leute, wie siehts aus?", ruft Maryse durchs Büro.
Paul und ich sitzen in seinem Büro noch am Layout, Ian ist auch noch da und macht Papierkram und Aaron Paal, der Redakteur, sitzt mit ein paar Kollegen noch an den eingereichten Artikeln. Im Korrektoratabschnitt kümmern sich ein paar Leute noch um die Korrekturen für die Entwürfe, die die Schlussredaktion morgen braucht, aber ansonsten ist das Büro relativ leer.
Maryse wirft den Schlüssel auf einen Schreibtisch, zieht ihren Mantel an und nimmt ein paar Mappen mit.
"Jungs, ich geh heim. Der Letzte schließt ab, ja?"
_______________________________________________
29.4.11 23:02
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de