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KOMMANDO ARBEIT

Um kurz nach zehn werde ich davon geweckt, dass mein Handy vibriert. Fluchend strecke ich einen Arm aus und grabe auf meinem überfüllten Nachschränkchen danach herum, bis ich diverse Gegenstände heruntergeschmissen hab und mich entschließe, mal einen Blick darauf zu werfen, um die ganze Sache zu beschleunigen. Heilige Scheiße, da standen Flaschen auf meinem Tisch. Eine Bierflasche hat ihren Inhalt über meinen Bettvorleger ergossen.
Ich setzte mich auf und stelle fest, dass meine ganze Wohnung arschkalt ist. Fröstelnd setzte ich mich auf die Bettkante, merke, dass ich in dem T-shirt von gestern geschlafen habe und mein Handy vermutlich in der Hose ist, die auf einem ansehnlichen Haufen mitten im Zimmer liegt. Immer noch fluchend grabe ich in den Hosentaschen herum, bis ich es irgendwann in der Hand hab und nicht nur feststellen muss, das es durch irgendein Wunder immer noch klingelt, sondern auch, dass ich nicht mal weiß, wer es ist, weil die Scheißnummer unterdrückt ist.
"Hallo?", knurre ich. Mein Schädel dröhnt, Kopfschmerzen ziehen sich zusammen. Ich setze mich wieder auf die Bettkante.
"Ähm, Chris? Hey. Also, hier ist Emma. Wo bist du?"
Crash. Fassungslos versuche ich, einen klaren Gedanken zu fassen.
"Bitte was?!", frage ich und stelle fest, dass mir das gegenüber Emma öfter rausrutscht.
"Ahm. Hier ist Emma.", wiederholt sie. "Wo bist du?"
"Zu Hause, Emma.", antworte ich langsam und mit Nachdruck. "Ich penne. Woher zum Teufel hast du meine Nummer??"
"Ich wollte fragen, ob du heute mal in der Redaktion vorbeischaust, weil.. also, ja. Von Frau Kaster." Klingt sie am Telefon immer so oder ist sie verdammt nervös?
"Maryse hat meine Nummer doch gar nicht", antworte ich heiser, immer noch benebelt vom Schlaf und dem Kater, der langsam aufzieht.
"Natürlich. Du arbeitest hier.", antwortet sie verwirrt. "Nenn sie nicht immer Maryse!"
"Wieso nicht?", frage ich gereizt.
"Sie ist deine Chefin!" Sie ist jedes Mal wütend deswegen, weil sie mir ihren Vornamen angeboten hat und ihr nicht.
"Wenn sie mir ihren Vornamen anbietet.", wiederhole ich meine Gedanken laut und fahre mir mit einer Hand übers Gesicht.
"Kommst du heute?"
"Was? Wohin?" Ich hab Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen.
"In die Redaktion.", antwortet sie.
"Wann habe ich dir eigentlich meinen Vornamen angeboten?", frage ich genervt.
Emma antwortet nicht, also stehe ich auf, sauge scharf Luft ein, als es noch kälter wird, und stelle fest, dass ich schwanke.
"Bist du betrunken?", fragt sie vorsichtig.
Verkatert, bitte. Wenn schon. Gestern mit den Jungs war entspannt, aber ich fang an, mich zu fragen, wie zum Teufel ich nach Hause gekommen bin, wenn ich mir so die Kante gegeben hab, dass mein Kopf dermaßen dröhnt.
"Es ist halb elf. Kein Mensch ist um halb elf morgens besoffen.", murmel ich genervt, versuche, mein Gleichgewicht wiederzufinden, und knalle auf dem Weg durch die Schlafzimmertür mit der Schulter gegen den Türrahmen.
"Kommst du mal zum Punkt?"
"Achso, ja. Ich wollte dich nur nochmal daran erinnern, dass du in ein paar Wochen Achtzehn wirst."
Ich schnaube. Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte.
"Frau Kastner will mit dir reden deswegen. Wegen deiner Arbeit, sie will dich fest einstellen, wenn du volljährig bist. Dann ist es einfacher mit deiner Position in der Redaktion, auch wegen dem Gehalt und deinem Arbeitspensum und..."
"Emma. EMMA!", unterbreche ich sie. "Laber mich nicht um diese Uhrzeit mit diesem Verwaltungsscheiß zu. Und überhaupt, wieso sollte Maryse dir sagen, dass du mich morgens auf meinem Handy mit meiner Privatnummer anrufen und dieses Zeug predigen sollst?"
"Hat sie nicht.", gibt sie kleinlaut zu.
Mittlerweile hab ich mein Gleichgewicht halbwegs wieder und stehe schwankend in meinem Wohnzimmer, wo sich gleich zwei meiner Fragen beantworten. Erstens, es ist so arschkalt hier drin, weil alle meine bodenhohen Fenster aus welchem Grund auch immer auf Kippe stehen, und das vermutlich schon die ganze Nacht. Und zweitens liegen Nick und Sam auf meinem großen Ecksofa und pennen, was erklärt, warum ich hier bin. Offenbar haben wir die Party gestern abend zu mir nach Hause verlegt.
Auf der Theke und dem großen Couchtisch stapeln sich Flaschen über Flaschen, in einem Weinglas steht zwei Zentimeter hoch eine undefinierbare Flüssigkeit, in der Kippenstummel schwimmen.
"Ich habs nur mitbekommen.", sagt Emma.
"Ah.", antworte ich gereizt.
"Also kommst du nachher?"
"Was? Wohin?"
"Chris! In die Redaktion!"
"Weiß ich nicht.", weiche ich aus, mache die Fenster zu und lasse mich auf einen Stuhl fallen. Fische eine Kippenpackung vom Esstisch und zünde mir eine Zigarette an.
"Chris, komm schon!", bittet sie.
Ich kann meinen Namen nicht mehr hören. Ich lege meinen schmerzhaft pochenden Kopf in eine meiner Hände.
"Ich muss nicht in die Redaktion, ich muss meine Entwürfe nur rechtzeitig abgeben.", stöhne ich. "Was geht dich das überhaupt an? Du bist nicht meine Mutter!"
Scheiße. So, jetzt ist es Raus. Emma hält die Luft an.
Als sie danach nur noch beleidigt schweigt, wird mir das Telefonat zu teuer. In dem Moment würde ich alles tun, damit sie mich endlich in Ruhe lässt.
"Vonmiraus.", murmel ich und betrachte eine Bierflasche, deren Inhalt etwas ranzig aussieht. Sogar in einigen der Flaschen schwimmen Kippenstummel.
"Gut.", antwortet sie, diesmal neutraler, aber man merkt ihr immer noch an, dass sie beleidigt ist.
Sie schweigt einen Moment, während ich die erste Nikotinladung des Tages durch meine Lungen jage, die meine Kopfschmerzen zumindest ein kleines bisschen hemmt.
"Du weißt aber, dass wir alle schon im Büro sind?", fragt sie.
Ich frage mich, wo ich jetzt Wasser herkriegen könnte.
"Chris?"
Erstaunlicherweise fällt mir der Duschhahn vor dem Wasserhahn ein.
"Chris!"
"Was? Ja, verdammt!", stöhne ich genervt.
"Also kommst du?"
"JA!"
Emma schweigt, legt aber nicht auf.
"Wars das?", frage ich gestresst.
"Ja."
"Danke.", antworte ich, ohne es zu meinen, und lege auf.
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28.4.11 11:53
 


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