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THE NEVER-ENDING WHY

"Aah, du schon wieder."
Es ist die schönste Art, begrüßt zu werden.
"Wieder so charmant heute, Emma?"
"Du lässt dich ja nicht blicken."
Genervt drehe ich mich um und schaue auf sie runter. Selbst mit ihren hohen Schuhen überrage ich sie um gut anderthalb Köpfe. Ich bleibe nichtmal stehen, sondern beobachte leicht amüsiert, wie sie mit ihren Pumps versucht, meinen langen Schritten zu folgen.
"Bin ich hier oder nicht?"
"Chris, ich meine allgemein. Wir hatten gestern eine wichtige Konferenz, Frau Kaster war stinksauer, dass du nicht bis zum Ende dageblieben bist!"
Konferenzen sind bei uns endlose, ermüdende Diskussionen um Themen, Inhalte und Konzepte und für viele der unangenehmste Teil ihres Jobs.
Emma zum Beispiel ist gerade zwanzig geworden, würde gerne als eine Art Wunderentdeckung des Journalismus´ in der Redaktion aufsteigen und versucht deshalb besonders in diesen Konferenzen, ihre Meinung durchzubringen.
Für mich geht es bei der ganzen Sache deutlich ruhiger zu, weil ich irgendwo verstanden habe, dass man als Neuling schauen sollte, wo man steht und wie es läuft, statt das ganze Team von Anfang an zu stressen.
Maryse schätzt Emmas Arbeitswillen, aber sie ist einfach so verdammt.. anstrengend. Und naiv. Keine Ahnung vom Job.
"Miss Braun, könnten sie mir das kopieren?", frage ich im Vorbeigehen die kleine Frau, von der ich nicht einmal weiß, was sie in der Redaktion eigentlich genau tut, aber ich kenne sie seit ich da bin vom Sehen und sie steht auf mich, nur ihr Vorname ist mir entfallen.
"Chris verdammt, was ist los mit dir?", fragt Emma. Sie läuft mir immer noch hinterher.
Die junge Miss Braun nickt heftig und verschwindet mit meinen Blättern zügig Richtung Kopierraum. Ich weiß nichtmal, was ich ihr gegeben hab. Hoffendlich nicht die Auszüge aus dem Buch mit diesem Exhibitionisten, über das Ian seine Kritik schreiben soll, nachher hält sie mich für pervers. Wie hieß das? Irgendwas mit V... aah, ja. Voyeur, Simon Beckett.
"Chris!", stöhnt Emma.
Seufzend bleibe ich stehen und drehe mich um.
Warum zum Teufel hat die Frau ständig das Bedürfnis, mich zu erziehen?? Was hat sie für ein Problem mit mir??
"Emma, hast du nichts zu tun?", stöhn ich zurück. "Irgendwelche Fußballergebnisse? Weltbewegende Neuigkeiten über Japan? Kinderlähmung? Krebsforschung? Buchkritiken, Sturmwarnungen, Koalitionen? Verkehrsnachrichten?"
Ich gehe weiter.
"Ich arbeite für das Kultur-Ressort.", antwortet sie beleidigt.
"Ich mach mir doch nur Sorgen um dich!"
Fassunglos bleibe ich stehen, drehe mich langsam wieder um und schnaube ungläubig.
"Bitte was?"
"Naja, du.. weißt schon. Der Alkohol. Wasserflasche." Sie ist offensichtlich nervös geworden.
"Alkohol.", wiederholt sie, als ob es nicht begriffen hätte.
Aua. Sei still, graues Mäusschen. Lass mich meine Arbeit machen.
"Emma, du kennst mich nicht mal.", antworte ich teilnahmslos.
"Trotzdem.", hält sie kleinlaut fest.
"Was denkst du?", frage ich zweifelnd.
"Keine Ahnung, Drogenprobleme?", murmelt sie.
"Und wenn, würde dich das was angehen?"
"Rede doch nicht mit mir wie mit einem kleinen Kind!"
Sie hat seit sie hier arbeitet ein Problem damit, dass ich sie wie die Neue behandle, die sie ist, und nicht mit dem Respekt, den ich ihr ihrer Meinung nach zugestehen sollte wegen etwas mehr als zwei Jahren Altersunterschied.
"Frau Felder, können sie bitte mal eben kommen? Wir haben hier ein kleines Problem mit dem Format ihrer Entwürfe.", ruft uns jemand zu.
Emma dreht sich um. Ian steht an einem der Schreibtische, die moderne Brille mit dem dicken, schwarzen Gestell mit einer Hand professionell angehoben, und hält mit hochgezogenen Augenbrauen ein paar Blätter auf Brusthöhe.
Ich atme erleichtert aus. "Danke!", forme ich tonlos mit den Lippen und Ian grinst, als sich Emma nochmal kurz zu mir umdreht, mich warnend ansieht nach dem Motto "wir sprechen uns noch!" - ICH HABE SCHON EINE MUTTER!! - und etwas gedrückter Stimmung zu Ian geht.
Erleichtert pflanze ich mich ein Stück weiter auf meinen Schreibtischstuhl aus täuschend echtem, dunkelbraunen Lederimitat und lasse meinen Blick über den Schreibtisch schweifen.
Mir fallen ein dünner Stapel Blätter mit Farbbildern auf, die ich da nicht hingelegt hab.
Auszüge aus Simon Becketts 'Voyeur'.
Miss Braun - verdammt, mir fehlt immer noch der Vorname - zwinkert mir linkisch zu, als sie vor meinem Schreibtisch vorbeitippelt.
Wie nennt man sowas? Anekdote?
Seufzend streiche ich mir mit einer Hand durch die Haare, ignoriere die dunkelbraunen Strähnen, die mir sofort wieder in die Stirn springen, und fahr den Computer hoch, während ich mich frage, wieso ich überhaupt heute hier aufgekreuzt bin.



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27.4.11 18:49
 


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