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UTOPIE

Als ich aus der Küche komme, in jeder Hand drei Bierflaschen, steht Giucie mit dem Rücken zu mir und schaut sich die Wand an, die wir gerade streichen. Die sie streicht. Ich habe bis jetzt noch nicht so sehr viel getan, sondern genieße es einfach, dass sie da ist.
Sie hat einen alten, dunkelgrauen Kaschmirpullover von mir über einer engen Jeans an, der ihr eigentlich um mindestens drei Nummern zu groß ist - viel zu weit sowieso. Der Ausschnitt liegt locker auf ihren Schultern und gibt den Blick auf ihre auffallenden, eleganten Halsknochen frei.
Mit einem amüsierten Lächeln dreht sie sich zu mir um, das Haar in dem lockeren Dutt völlig verwuschelt, Farbflecken auf Gesicht, Händen und Kleidung.
"Chris, ich glaub so wird das nichts.", grinst sie.
Die Wand sieht allerdings echt gut aus - hätte ich nicht besser hinbekommen, und das muss in dem Fall was heißen.
"Hast dir zwar mehr Farbe ins Gesicht gehauen als auf die Wand, aber es sieht perfekt aus.", antworte ich und bin mir der Doppeldeutigkeit bewusst. "Willst du was trinken?"
"Klar." Sie fährt sich mit der Hand durch die Haare und dann kurz über den Nacken - eine mir unbegreiflich weiche, fließende Bewegung -, bevor sie mir die Bierflaschen abnimmt, auf den Couchtisch stellt und eine davon öffnet.
"Wieso streichst du eigentlich, wenn du sowieso ausziehst?", fragt sie und lässt sich neben mir auf die Couch fallen.
"Wohnungen mit weißen Wänden verkaufen sich besser.", antworte ich schulterzuckend.
Der Farbton, den ich vorher auf der Wand hatte, war um Welten besser - irgendwo zwischen ganz hellem Beige und Sandfarbe. Jetzt ist die Wand immer noch nicht reinweiß, sondern hat eher die Farbe von Eierschale. Das sieht allerdings auch nicht schlecht aus, ich werde wohl damit leben können.
Ich zünde mir eine Zigarette an und beobachte Giucie von der Seite aus. Sie sieht irgendwie.. zufrieden aus. Als ob ihr die letzen Wochen ohne viel Kontakt zu mir gutgetan hätten. Der Gedanke ist sinn- und grundlos, aber schmerzhaft.



Sie legt den Kopf in den Nacken, streckt sich und schiebt dabei automatisch die Brust leicht vor - eine Geste, die Frauen gerne nebenbei machen, ohne sich der Wirkung bewusst zu sein, die sie auf Männer hat.
Ich komme nicht umhin, festzustellen, dass ich schon wieder Gedanken im Kopf habe, die da nicht hingehören. Klar, einerseits hatte ich seit der Geschichte mit Yasmin vor mittlerweile viereinhalb Monaten keinen Sex mehr, was für mich davor schlichtweg unvorstellbar gewesen wäre, andererseits .. verdammt, es gibt, das habe ich mir mittlerweile halbwegs eingestanden, keine Frau auf dieser Welt, mit der ich lieber Sex hätte als Giucie. Gefühlsmäßig.
Es muss unglaublich schön sein, Sex mit jemandem zu haben, der einem so wichtig ist.

Es ist seltsam, nach Jahren von zweifellos gutem, aber alles andere als liebendem Sex darüber nachzudenken, dass das Wesentliche, Gefühle, noch nie dermaßen im Spiel waren.
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16.5.11 20:53


HOW TO GET IN

Ich hab gerade kurz mit Nick telefoniert, weil ich die geplante Graffitiaktion nochmal abgesagt habe und deswegen ein bisschen schlechtes Gewissen hatte, und wir haben ein bisschen über Robin geredet. Nick meint, ich könnte mir auch mal wieder einen Schützling zulegen - ich weiß, was er meint.
Die älteren, erfahrerenen Szene-Leute bringen den Newcomern was bei. Das ist wichtig für den Nachwuchs und gut für die Selbstvermarktung - zwar nur in der Streetszene, aber was solls.

Ich meine, ich war kein schlechter Mentor. Hatte zwei Jungs, die es beide ganz schön weit gebracht haben; Der eine ist nach Berlin gezogen und ich hab den Kontakt verloren, vom anderen sieht man ab und zu immer mal wieder was.
Aber ich bin kaum noch auf der Straße mit meinem Zeug und außerdem bin ich absolut weder in der Verfassung geschweige denn in der Stimmung, mich jetzt großartig um einen Schützling zu kümmern.
Jemandem Graffiti beizubringen ist langwieriger, als man denkt. Zuerst muss man den Ansturm in "Potential" und "Kein Potential" einteilen, dann muss man das völlig falsche Bild eines jeden Anfängers mühsam zerschlagen und ihm die Grundsätze von Anfang an nochmal beibringen, um dann die schier endlose Anfängerbegeisterung und den Tatendrang in der richtigen Spur zu halten. Und natürlich sachliche, konstruktive Kritik, denjenigen korrigieren und ihm seine Fehler klarmachen, ohne ihn von seinem Stil zu sehr in seinen
eigenen zu lenken.

Ich selbst hatte keinen Mentor, hab mir den ganzen Scheiß größtenteils selbst begeibracht. Läuft im Endeffekt zwar auf dasselbe hinaus, beansprucht aber verhältnislos mehr Zeit und Aufwand.
Robin hat echt Glück gehabt. Die Streetartszene ist ein hartes Pflaster, es ist deutlich leichter, wenn man jemanden hat, der sich dort schon einen Namen gemacht hat und hinter einem steht. Der einem zeigt, wo es langgeht, wie es läuft, das ganze Graffiti-Jargon und natürlich das Praktizieren an sich.

How to get in für Newcomer.
Bei Nicks Robin hab ich ein gutes Gefühl.
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15.5.11 23:03


SPONTAN

Müde drehe ich an einer Kippe herum und überlege, wie ich den Artikel am besten zu Ende bringe, an dem ich die letzten anderthalb Stunden gezwungenermaßen saß.
Giucie war letzte Woche von der Schule aus auf Studienreise in Rom, damit rechtfertige ich völlig sinn- und grundlos, dass wir keinen Kontakt hatten, und Yasmin wollte mir gestern irgendwelche Ultraschallbilder aufdrehen. Wie ich sie hasse.
Was soll ich sagen?
Mir bleibt nicht viel zu tun. Ich mache meine Arbeit, suche nach einer Wohnung in Berlin, und überlege nebenbei, was rein sozial das beste für mich und das Kind wäre. Yasmin taucht in meinem Überlegungen - wenn überhaupt - nur als die auf, die es zu hassen gilt.

Ich wünschte, Giucie wäre hier, aber ich glaube, sie ist ziemlich angepisst.
Klar, sie erwartet, dass ich mich jetzt mal wieder aufraffe und überlege, was das Beste für alle ist, aber wie soll ich mich aufraffen mit dem Gedanken, Vater zu werden, und ohne jeglichen Ansporn?
Ich fühle mich, seltsamerweise, ziemlich alt. Und unreif.
Allein deswegen ertrage ich ihre Anwesenheit kaum. Weil ich immer das Gefühl habe, ein vierzehnjähriges Mädchen ist um Jahre reifer als ich, und weil ich mir immer seltsame Blicke einbilde, als hätte sie es gewusst. Weil ich verantwortungslos war und sie nicht, weil ich trink und rauch und sie im weitesten Sinne nüchtern bleibt.
Ich bin höchstens ernüchtert im wortwörtlichsten Sinn.

Ich lege den Laptop weg, weil ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass das so keinen Sinn mehr macht, an dem Text herumzuarbeiten. Ich habe geschrieben, wie ich routinemäßig immer schreibe, einfach einen Fließtext so, wie er kommt, und das ist erfahrungsgemäß bei mir auch das Beste.
Ich suche nach dem Feuerzeug, zünde mir die Kippe an, verziehe das Gesicht. Das ist irgendein unreiner Billigtabak, der mit irgendetwas enorm Bitterem gestreckt wurde und höllisch kratzt.
Ich überlege kurz, ob ich Giucie anrufen soll. Einfach mal wieder ihre Stimme hören.
Bevor ich weiß, was ich tue, piept es.
Ich höre mein Herz schlagen. Seltsamerweise macht mich allein dieses Geräusch nervös.
"Chris?" Sie klingt dermaßen überrascht, dass ich fast verletzt bin.
"Ja. Hey, Kleine. Wie war Rom?"
"Bist du nüchtern?"
Okay,das hat mich verletzt.
"Ja.", antworte ich absolut wahrheitsgemäß.
Die Antwort überrascht sie nicht, das Ganze ist schon eher die Standartfrage. Sie hat selbst gemerkt, dass ich nüchtern bin.
"Also, wie war Rom?"
"Rom war schön.", schwärmt sie. "Du warst doch auch schon da, oder?"
"Ja, letztes Jahr mit meiner Mutter und einem Freund.", antworte ich.
"Stimmt, du hast mir acht Postkarten in einer Woche geschrieben.", erinnert sie sich und lacht.
Aber irgendetwas stimmt nicht, irgendwas ist zwischen uns.
Giucie, ich brauch dich.
"Und, hast du schon eine Wohnung in Berlin gefunden?", seufzt sie.
"Nein."
"Chris, überleg dir, ob das gut ist, was du da tust. Seinen Vater überhaupt nicht zu kennen kann einen fertigmachen."
Ich nicke stumm.
"Ja, ich weiß. Achso, und klar kannst du vorbeikommen. Immer. Weißt du doch."
Ich höre sie lächeln.
"Ich hab dich lieb, Kleine."
"Ich dich doch auch, Chris, ich mach mir nur Sorgen. Trink nicht so viel, okay? Und denk nochmal nach wegen Berlin. Ich vermiss dich jetzt schon."
"Mach ich, Kleine. Schlaf gut."
Als sie aufgelegt hat, sitzte ich einen Moment einfach nur so da, beiße mir auf die Lippe und starre an die Decke.
Klang doch gar nicht so schlecht. Vielleicht krieg ich das alles irgendwie wieder hin.
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15.5.11 22:43


LADENSCHLUSS

"Chris, das hier ist nicht Disneyland!"
"Was soll das denn jetzt wieder heißen??"
Ian steht neben mir und schaut gereizt zu, wie ich in dem Papierberg auf meinem Schreibtisch grabe. Wozu hab ich den eigentlich? Ich bin doch sowieso fast nie hier. Genau genommen bin ich nichtmal fest eingestellt. Meistens arbeite ich von zu Hause aus.
"Komm schon, reiß dich zusammen. In ein paar Wochen wirst du achtzehn!"
"Was habt ihr alle mit meinem Geburtstag?", frage ich genervt.
Ian seufzt und schaut verwundert der kleinen Miss Braun nach, die mich linkisch anzwinkert.
"Was hast du denn mit der angestellt?", fragt er.
"Gar nichts. Sie hält mich für pervers, weil ich ihr versehendlich deine Auszüge für dieses eine Buch zum Kopieren gegeben hab, dieses..."
"Voyeur?"
"Genau. Das mit diesem Exhibitionist."
Ian grinst breit.
"Ian, nerv mich nicht.", stöhne ich. "Du wolltest mir einen Vortrag halten, also bitte bleib dabei, ja? Stimmungswechsel kommen nicht gut, wenn man jemanden zusammenscheißt."
Aber er lächelt nur noch gutmütig.
Ian ist sechsundzwanzig, arbeitet seit Jahren hier und ist für mich so etwas wie ein Mentor geworden. Ich mag ihn wirklich und war von Anfang an froh, mit jemandem wie ihm zu arbeiten; er ist routiniert, eins der höheren Tiere, und er weiß, wie es läuft.
"Chris, du packst das schon, aber reiß dich zusammen, ja?"
Ich richte mich auf und schaue ihn an. Ian ist einer der wenigen, die genauso groß sind wie ich, was für mich ziemlich angenehm ist. Ich glaube, ich hätte Probleme damit, mir sowas von einem kleinen Mann ans Herz legen zu lassen - was das angeht, bin ich wohl irgendwo in der Evolution hängen geblieben.
"Klar.", antworte ich.
Ian klopft mir kurz auf die Schulter und geht.
"Ian?", rufe ich ihm hinterher.
Er dreht sich im Gehen um und läuft langsam rückwärts weiter.
"Was ist mit deinen Auszügen?"
Er grinst. "Kannst du behalten. Hab sie mir selbst besorgt, wenn ich auf dich hätte warten müssen, wär der Entwurf nie fertig geworden. Schenk sie Anna."
"Wem?"
"Frau Braun. Deine kleine Freundin." Ian dreht sich um, immer noch breit grinsend, und verschwindet in seinem Büro. Anna. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre, aber wenigstens weiß ich jetzt, wie sie heißt.

In der Redaktion herrscht das bereits gestern vorhergesehene Chaos, allein Ian scheint zwischen den herumrennenden Leuten entspannt zu bleiben. Ich setzte mich wieder an meinen PC und schick die Entwürfe per Email an den zuständigen Redakteur, weil ich offiziell als freier Autor arbeite und deren Artikel nach Vorschrift erst von Redakteuren geprüft werden müssen.
Mein PC meldet sich mit dem gewohnten pliiiing wegen einer Email von Herrn Paal, dem Redakteur, in der steht, dass er meine Entwürfe erhalten hat und sie durchschauen wird. Ich lehne mich zurück, krame in einer der Schubladen nach ein bisschen Papierkram, finde mehr, als ich gehofft habe, und mache mich halbherzig daran, das Zeug zu bearbeiten.
Ich weiß, es klingt so, als hätte ich in der Redaktion nicht viel zu tun, aber das habe ich auch nicht. Ich schreibe meine Texte abends zu Hause, das ist meine beste Zeit, und als Autor hab ich sonst eben relativ wenig anderes zu tun. Vor einigen Wochen erst hab ich mein Abitur geschrieben und kann mich jetzt voll auf den Job konzentrieren - so lange, bis ich mir zwangsmäßig Gedanken übers Studieren machen muss. Aber bis dahin bleibt mir noch viel Zeit; Dieses Jahr sind die G8- und G9-Jahrgänge zusammengefallen und die Unis hoffnungslos überfüllt, aber ich bin ohnehin über ein Jahr jünger als die anderen, also kann ich mir Zeit lassen.
Langsam leert sich das Büro, aber viele sind selbst oder gerade jetzt, um halb zehn, noch in der Redaktion. Die Leute hier sind locker, was Arbeitszeiten abgeht; Es ist ihnen egal, wann du dein Zeug machst, solange es erledigt wird und vorliegt, wenn es gebraucht wird.
"Chris, komm mal!", ruft Paul aus seinem Büro und reißt mich wieder aus meinen Gedanken.
Paul Speer ist ein hochgewachsener, humorvoller Grafikdesigner mitte dreißig, der hier die Bildredaktion leitet und fürs Layout zuständig ist, um das ich mich ebenfalls kümmere. Ich mag ihn; Er ist locker und wir können gut zusammen arbeiten.
Eigentlich mag ich meinen Job, er ist perfekt für mich. Ich hab mit zwei der Dinge zu tun, die ich wirklich draufhab: Schreiben und dieses Grafikzeug. Außerdem habe ich keine festgelegten Arbeitszeiten, sonst wäre ich wohl längst geflogen.

"So Leute, wie siehts aus?", ruft Maryse durchs Büro.
Paul und ich sitzen in seinem Büro noch am Layout, Ian ist auch noch da und macht Papierkram und Aaron Paal, der Redakteur, sitzt mit ein paar Kollegen noch an den eingereichten Artikeln. Im Korrektoratabschnitt kümmern sich ein paar Leute noch um die Korrekturen für die Entwürfe, die die Schlussredaktion morgen braucht, aber ansonsten ist das Büro relativ leer.
Maryse wirft den Schlüssel auf einen Schreibtisch, zieht ihren Mantel an und nimmt ein paar Mappen mit.
"Jungs, ich geh heim. Der Letzte schließt ab, ja?"
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29.4.11 23:02


OUTLOOK

Ich hab lange an den Texten geschrieben und bin jetzt ziemlich zufrieden damit. Das beste an meinem Job ist, dass ich ihn im Grunde erledigen kann, wann ich will, solange ich die Abgabetermine einhalte.
Jetzt sitze ich mit geschlossenen Augen auf meiner Couch, meinen Laptop neben mir, und rauche. Schon wieder.
Morgen haben wir wieder irgendeine Besprechung, und ich krieg schon bei dem Gedanken daran, früh aufstehen zu müssen, Anfälle. Trotz meinem unfreiwilligen Telefonat mit Emma heute morgen bin ich nicht in der Redaktion aufgetaucht und hab als Maßnahme gegen erneute Aktionen in diese Richtung spontan mein Handy ausgeschaltet und das Telefon ausgesteckt.
Morgen wird der reinste Horror. Maryse hat eine stressige Zeit angekündigt, Emma wird mir die Hölle heiß machen und Ian will irgendwas mit mir besprechen, von dem ich schon ahne, dass es etwas mit meiner Arbeitseinstellung zu tun hat. Tiefer Zug.
Und dann die ganzen Diskussionen über Layouts, Seiteneinteilungen, den besten Artikel zum besten Thema, Themenüberschneidungen vermeiden, das selbe Spiel wie jeden Freitag. Freitag und Samstag kommt alles für die Montagsausgabe zusammen, da herrscht absolutes Chaos im Büro, und Redakteure sind die mit Abstand schlimmsten Selbstdarsteller, die man sich vorstellen kann. Ich seh sie schon mit den Artikeln winken, Konkurrenzkämpfe auf höchstem Niveau, manche scheinen nur dort zu arbeiten, weil sie Rivalen suchen. Papierkrieg.
Nochmal ziehen, noch bin ich absolut entspannt.
Ich errechne zwei Daten im Kopf; Erstens die Zeit, die mir noch bleibt, um jung zu sein. Differenz: Fünf Monate. Klingt viel. Außer der Geburtstermin verschiebt sich drastisch. Zweitens ist schon schlimmer; noch fast vierundfünfzig Jahre. Mein Gott. Ich muss noch vierundfünfzig Jahre durchhalten bis zu meiner Pensionierung.
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29.4.11 01:01


KOMMANDO ARBEIT

Um kurz nach zehn werde ich davon geweckt, dass mein Handy vibriert. Fluchend strecke ich einen Arm aus und grabe auf meinem überfüllten Nachschränkchen danach herum, bis ich diverse Gegenstände heruntergeschmissen hab und mich entschließe, mal einen Blick darauf zu werfen, um die ganze Sache zu beschleunigen. Heilige Scheiße, da standen Flaschen auf meinem Tisch. Eine Bierflasche hat ihren Inhalt über meinen Bettvorleger ergossen.
Ich setzte mich auf und stelle fest, dass meine ganze Wohnung arschkalt ist. Fröstelnd setzte ich mich auf die Bettkante, merke, dass ich in dem T-shirt von gestern geschlafen habe und mein Handy vermutlich in der Hose ist, die auf einem ansehnlichen Haufen mitten im Zimmer liegt. Immer noch fluchend grabe ich in den Hosentaschen herum, bis ich es irgendwann in der Hand hab und nicht nur feststellen muss, das es durch irgendein Wunder immer noch klingelt, sondern auch, dass ich nicht mal weiß, wer es ist, weil die Scheißnummer unterdrückt ist.
"Hallo?", knurre ich. Mein Schädel dröhnt, Kopfschmerzen ziehen sich zusammen. Ich setze mich wieder auf die Bettkante.
"Ähm, Chris? Hey. Also, hier ist Emma. Wo bist du?"
Crash. Fassungslos versuche ich, einen klaren Gedanken zu fassen.
"Bitte was?!", frage ich und stelle fest, dass mir das gegenüber Emma öfter rausrutscht.
"Ahm. Hier ist Emma.", wiederholt sie. "Wo bist du?"
"Zu Hause, Emma.", antworte ich langsam und mit Nachdruck. "Ich penne. Woher zum Teufel hast du meine Nummer??"
"Ich wollte fragen, ob du heute mal in der Redaktion vorbeischaust, weil.. also, ja. Von Frau Kaster." Klingt sie am Telefon immer so oder ist sie verdammt nervös?
"Maryse hat meine Nummer doch gar nicht", antworte ich heiser, immer noch benebelt vom Schlaf und dem Kater, der langsam aufzieht.
"Natürlich. Du arbeitest hier.", antwortet sie verwirrt. "Nenn sie nicht immer Maryse!"
"Wieso nicht?", frage ich gereizt.
"Sie ist deine Chefin!" Sie ist jedes Mal wütend deswegen, weil sie mir ihren Vornamen angeboten hat und ihr nicht.
"Wenn sie mir ihren Vornamen anbietet.", wiederhole ich meine Gedanken laut und fahre mir mit einer Hand übers Gesicht.
"Kommst du heute?"
"Was? Wohin?" Ich hab Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen.
"In die Redaktion.", antwortet sie.
"Wann habe ich dir eigentlich meinen Vornamen angeboten?", frage ich genervt.
Emma antwortet nicht, also stehe ich auf, sauge scharf Luft ein, als es noch kälter wird, und stelle fest, dass ich schwanke.
"Bist du betrunken?", fragt sie vorsichtig.
Verkatert, bitte. Wenn schon. Gestern mit den Jungs war entspannt, aber ich fang an, mich zu fragen, wie zum Teufel ich nach Hause gekommen bin, wenn ich mir so die Kante gegeben hab, dass mein Kopf dermaßen dröhnt.
"Es ist halb elf. Kein Mensch ist um halb elf morgens besoffen.", murmel ich genervt, versuche, mein Gleichgewicht wiederzufinden, und knalle auf dem Weg durch die Schlafzimmertür mit der Schulter gegen den Türrahmen.
"Kommst du mal zum Punkt?"
"Achso, ja. Ich wollte dich nur nochmal daran erinnern, dass du in ein paar Wochen Achtzehn wirst."
Ich schnaube. Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte.
"Frau Kastner will mit dir reden deswegen. Wegen deiner Arbeit, sie will dich fest einstellen, wenn du volljährig bist. Dann ist es einfacher mit deiner Position in der Redaktion, auch wegen dem Gehalt und deinem Arbeitspensum und..."
"Emma. EMMA!", unterbreche ich sie. "Laber mich nicht um diese Uhrzeit mit diesem Verwaltungsscheiß zu. Und überhaupt, wieso sollte Maryse dir sagen, dass du mich morgens auf meinem Handy mit meiner Privatnummer anrufen und dieses Zeug predigen sollst?"
"Hat sie nicht.", gibt sie kleinlaut zu.
Mittlerweile hab ich mein Gleichgewicht halbwegs wieder und stehe schwankend in meinem Wohnzimmer, wo sich gleich zwei meiner Fragen beantworten. Erstens, es ist so arschkalt hier drin, weil alle meine bodenhohen Fenster aus welchem Grund auch immer auf Kippe stehen, und das vermutlich schon die ganze Nacht. Und zweitens liegen Nick und Sam auf meinem großen Ecksofa und pennen, was erklärt, warum ich hier bin. Offenbar haben wir die Party gestern abend zu mir nach Hause verlegt.
Auf der Theke und dem großen Couchtisch stapeln sich Flaschen über Flaschen, in einem Weinglas steht zwei Zentimeter hoch eine undefinierbare Flüssigkeit, in der Kippenstummel schwimmen.
"Ich habs nur mitbekommen.", sagt Emma.
"Ah.", antworte ich gereizt.
"Also kommst du nachher?"
"Was? Wohin?"
"Chris! In die Redaktion!"
"Weiß ich nicht.", weiche ich aus, mache die Fenster zu und lasse mich auf einen Stuhl fallen. Fische eine Kippenpackung vom Esstisch und zünde mir eine Zigarette an.
"Chris, komm schon!", bittet sie.
Ich kann meinen Namen nicht mehr hören. Ich lege meinen schmerzhaft pochenden Kopf in eine meiner Hände.
"Ich muss nicht in die Redaktion, ich muss meine Entwürfe nur rechtzeitig abgeben.", stöhne ich. "Was geht dich das überhaupt an? Du bist nicht meine Mutter!"
Scheiße. So, jetzt ist es Raus. Emma hält die Luft an.
Als sie danach nur noch beleidigt schweigt, wird mir das Telefonat zu teuer. In dem Moment würde ich alles tun, damit sie mich endlich in Ruhe lässt.
"Vonmiraus.", murmel ich und betrachte eine Bierflasche, deren Inhalt etwas ranzig aussieht. Sogar in einigen der Flaschen schwimmen Kippenstummel.
"Gut.", antwortet sie, diesmal neutraler, aber man merkt ihr immer noch an, dass sie beleidigt ist.
Sie schweigt einen Moment, während ich die erste Nikotinladung des Tages durch meine Lungen jage, die meine Kopfschmerzen zumindest ein kleines bisschen hemmt.
"Du weißt aber, dass wir alle schon im Büro sind?", fragt sie.
Ich frage mich, wo ich jetzt Wasser herkriegen könnte.
"Chris?"
Erstaunlicherweise fällt mir der Duschhahn vor dem Wasserhahn ein.
"Chris!"
"Was? Ja, verdammt!", stöhne ich genervt.
"Also kommst du?"
"JA!"
Emma schweigt, legt aber nicht auf.
"Wars das?", frage ich gestresst.
"Ja."
"Danke.", antworte ich, ohne es zu meinen, und lege auf.
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28.4.11 11:53


ONE-TRIBE-SESSION

Wir mischen Farben und malen Skizzen, sitzen an mistigen Glastischen,
harzen Spliffs und planen Visions ..


Der Song geht mir durch den Kopf, als ich in Nicks Wohnzimmer komm und mich, von einer dichten Rauchwolke empfangen, auf eines seiner abgefuckten Sofas fallen lasse.
"Jo, Chris, lässt du dich auch mal wieder blicken?", grinst Sam.
Sie sitzen zu zweit um den flachen, großflächigen Glastisch vor dem großen Ecksofa, hören Musik, rauchen und zeichnen.
"Was treibt Robin?", erkundige ich mich nach Nicks neuem "Schüler", wie er sie gerne nennt.
"Schülerfreie Session.", antwortet Sam und reicht mir zwei Selbstgedrehte, von denen eine brennt. Ich zünd mir die andere damit an, blase ein paar dichte Rauchschwaden aus der Nase und geb ihm seine zurück.
"Meine Fresse, Sam, der Junge hat Talent, das wird nochmal was mit dem.", schiebt Nick ein und macht sich ein Bier auf.
"Ich kann den Typ nicht ausstehen. Kleiner, verhätschelter Bonzenjunge. Wenns drauf ankommt, wird er nicht da sein, wirst schon sehen, mann.", antwortet er, aber Nick lässt sich nicht provozieren.
"Ey Sam, mach mal halblang und vergiss nicht, dass du die Scheiße auch von mir gelernt hast - ist noch gar nicht so lange her." Nick grinst.
"Na und?"
"Chris hat etwas in der Richtung damals von dir auch gesagt."
Er grinst mich an und ich muss bei dem Gedanken daran heute noch lächeln.
"Hast mich übrigens immer noch nicht ganz überzeugt.", schiebe ich hinterher.
"Jungs, was geht?! Robin ist der Neue, nicht ich!", wehrt sich Sam.
"Schon gut, digger, mach dir nichts draus. Chris is kein Maßstab."
Sam scheint es dabei zu belassen, aber mich interessiert das mit Robin.
"Wie macht er sich?", frage ich.
"Passt. Wird schon." Er nickt anerkennend. "Er lernt."
"Irgendwann wird der Tag kommen, an dem es heißt, Robin wär soweit, mitzukommen, mann.", murmelt Sam und lässt sich resigniert tiefer in die Couch sinken.
"Was macht deine Kleine?", fragt Nick, lehnt sich erwartungsvoll zurück und zieht an seiner Kippe.
"Scheiße, wir sind nur befreundet!", predige ich, dieselbe Rede wie jedes Mal.
Nick grinst nur und belässt es dabei. "Und sonst?"
Ich fang an, ein paar Marker nachzufüllen, weil ich weiß, dass das bei Sam jedes Mal in einem verheerenden schwarzen Tintenchaos endet.
"Nicht mehr viel Kontakt.", geb ich zu.
Nick will etwas sagen, spart sich seinen Kommentar dann aber doch.
"Schon von Arnes Plakatieraktion gehört?", wechsel ich das Thema.
"Jo. Sieht gut aus. Und diese Handgranatenteile, die man grad überall sieht. Weißt du, wer die macht?", fragt Sam.
"Er taggt nicht.", antwortet Nick nebenbei und widmet sich wieder seiner Zeichnung.
Sam seufzt. "Scheiße, Chris, wir brauchen dich. Is echt zum Heulen, dass du so wenig rausgehst."
"Ich muss arbeiten. Und legale Aufträge sind übrigens ertragreicher als dieses illegale rummullern."
"Wir bemullern Wände..", zitiert Nick grinsend Linewand.
"Ich krieg Geld dafür, spar mir nen Haufen Stress und mein Zeug wird nicht dauernd gebustet.", sage ich, muss aber auch grinsen. "Jungs, bei der nächsten Aktion bin ich wieder dabei."
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Damion Davis - Linewand
28.4.11 00:43


THE NEVER-ENDING WHY

"Aah, du schon wieder."
Es ist die schönste Art, begrüßt zu werden.
"Wieder so charmant heute, Emma?"
"Du lässt dich ja nicht blicken."
Genervt drehe ich mich um und schaue auf sie runter. Selbst mit ihren hohen Schuhen überrage ich sie um gut anderthalb Köpfe. Ich bleibe nichtmal stehen, sondern beobachte leicht amüsiert, wie sie mit ihren Pumps versucht, meinen langen Schritten zu folgen.
"Bin ich hier oder nicht?"
"Chris, ich meine allgemein. Wir hatten gestern eine wichtige Konferenz, Frau Kaster war stinksauer, dass du nicht bis zum Ende dageblieben bist!"
Konferenzen sind bei uns endlose, ermüdende Diskussionen um Themen, Inhalte und Konzepte und für viele der unangenehmste Teil ihres Jobs.
Emma zum Beispiel ist gerade zwanzig geworden, würde gerne als eine Art Wunderentdeckung des Journalismus´ in der Redaktion aufsteigen und versucht deshalb besonders in diesen Konferenzen, ihre Meinung durchzubringen.
Für mich geht es bei der ganzen Sache deutlich ruhiger zu, weil ich irgendwo verstanden habe, dass man als Neuling schauen sollte, wo man steht und wie es läuft, statt das ganze Team von Anfang an zu stressen.
Maryse schätzt Emmas Arbeitswillen, aber sie ist einfach so verdammt.. anstrengend. Und naiv. Keine Ahnung vom Job.
"Miss Braun, könnten sie mir das kopieren?", frage ich im Vorbeigehen die kleine Frau, von der ich nicht einmal weiß, was sie in der Redaktion eigentlich genau tut, aber ich kenne sie seit ich da bin vom Sehen und sie steht auf mich, nur ihr Vorname ist mir entfallen.
"Chris verdammt, was ist los mit dir?", fragt Emma. Sie läuft mir immer noch hinterher.
Die junge Miss Braun nickt heftig und verschwindet mit meinen Blättern zügig Richtung Kopierraum. Ich weiß nichtmal, was ich ihr gegeben hab. Hoffendlich nicht die Auszüge aus dem Buch mit diesem Exhibitionisten, über das Ian seine Kritik schreiben soll, nachher hält sie mich für pervers. Wie hieß das? Irgendwas mit V... aah, ja. Voyeur, Simon Beckett.
"Chris!", stöhnt Emma.
Seufzend bleibe ich stehen und drehe mich um.
Warum zum Teufel hat die Frau ständig das Bedürfnis, mich zu erziehen?? Was hat sie für ein Problem mit mir??
"Emma, hast du nichts zu tun?", stöhn ich zurück. "Irgendwelche Fußballergebnisse? Weltbewegende Neuigkeiten über Japan? Kinderlähmung? Krebsforschung? Buchkritiken, Sturmwarnungen, Koalitionen? Verkehrsnachrichten?"
Ich gehe weiter.
"Ich arbeite für das Kultur-Ressort.", antwortet sie beleidigt.
"Ich mach mir doch nur Sorgen um dich!"
Fassunglos bleibe ich stehen, drehe mich langsam wieder um und schnaube ungläubig.
"Bitte was?"
"Naja, du.. weißt schon. Der Alkohol. Wasserflasche." Sie ist offensichtlich nervös geworden.
"Alkohol.", wiederholt sie, als ob es nicht begriffen hätte.
Aua. Sei still, graues Mäusschen. Lass mich meine Arbeit machen.
"Emma, du kennst mich nicht mal.", antworte ich teilnahmslos.
"Trotzdem.", hält sie kleinlaut fest.
"Was denkst du?", frage ich zweifelnd.
"Keine Ahnung, Drogenprobleme?", murmelt sie.
"Und wenn, würde dich das was angehen?"
"Rede doch nicht mit mir wie mit einem kleinen Kind!"
Sie hat seit sie hier arbeitet ein Problem damit, dass ich sie wie die Neue behandle, die sie ist, und nicht mit dem Respekt, den ich ihr ihrer Meinung nach zugestehen sollte wegen etwas mehr als zwei Jahren Altersunterschied.
"Frau Felder, können sie bitte mal eben kommen? Wir haben hier ein kleines Problem mit dem Format ihrer Entwürfe.", ruft uns jemand zu.
Emma dreht sich um. Ian steht an einem der Schreibtische, die moderne Brille mit dem dicken, schwarzen Gestell mit einer Hand professionell angehoben, und hält mit hochgezogenen Augenbrauen ein paar Blätter auf Brusthöhe.
Ich atme erleichtert aus. "Danke!", forme ich tonlos mit den Lippen und Ian grinst, als sich Emma nochmal kurz zu mir umdreht, mich warnend ansieht nach dem Motto "wir sprechen uns noch!" - ICH HABE SCHON EINE MUTTER!! - und etwas gedrückter Stimmung zu Ian geht.
Erleichtert pflanze ich mich ein Stück weiter auf meinen Schreibtischstuhl aus täuschend echtem, dunkelbraunen Lederimitat und lasse meinen Blick über den Schreibtisch schweifen.
Mir fallen ein dünner Stapel Blätter mit Farbbildern auf, die ich da nicht hingelegt hab.
Auszüge aus Simon Becketts 'Voyeur'.
Miss Braun - verdammt, mir fehlt immer noch der Vorname - zwinkert mir linkisch zu, als sie vor meinem Schreibtisch vorbeitippelt.
Wie nennt man sowas? Anekdote?
Seufzend streiche ich mir mit einer Hand durch die Haare, ignoriere die dunkelbraunen Strähnen, die mir sofort wieder in die Stirn springen, und fahr den Computer hoch, während ich mich frage, wieso ich überhaupt heute hier aufgekreuzt bin.



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27.4.11 18:49


SHOWMANSHIP

Ich hab dröhnende Kopfschmerzen, wie es zu erwarten war.
Sitz auf meiner Couch und hab Mühe, mir ne Kippe zu drehen, weil mir klar wird, dass ich zitter. Scheiße.
Warum ich rauch?
Weil ich mit zwölf so naiv gewesen war, damit anzufangen.
Ich weiß nicht mal mehr genau, wo ich gestern war, und eigentlich spielt es auch keine Rolle.
Vor ner Stunde war ich in der Redaktion, weil wir eine Besprechung hatten, bei der mein Chef mich dabei haben wollte. Sie. Maryse, gebürtige Amerikanerin, nette, ältere Dame. Ich weiß, dass sie mich mag, aber sie weiß auch, dass ich ein ordentliches Problem hab. Bis jetzt bin ich nicht damit rausgerückt. Sie wollte mich für ein paar journalistische Berichte, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich ihr diesmal abliefern kann, was sie erwartet. Meine Arbeit ist hervorragend, sonst wäre ich nicht hier, nicht mit siebzehn Jahren und meinem privaten Chaos, aber ich weiß, dass ich so schnell, wie ich gekommen bin, auch wieder fliegen kann.
Wir hatten ein paar Komplikationen. Ich weiß nicht, was los ist, aber heute hatte ich mich nicht unter Kontrolle und nahm eine Wasserflasche mit Wodka mit. Ich hatte gar nicht vor, sie zu trinken, fand es aber beruhigend, zu wissen, dass ich sie hatte.
Es wäre auch nicht weiter aufgefallen, hätte Emma, die zwanzigjährige Neue, sie nicht mit ihrer verwechselt. Sie war natürlich geschockt und erwartete eine Erklärung, aber ich blieb sehr.. allgemein.

Mein Leben war nicht immer so. Noch vor ein paar Monaten hatte ich alles unter Kontrolle; Erste eigene Wohnung, alles easy. Ich bin eigentlich ein sehr ausgeglichener Mensch und ließ mich, egal was ich tat, nie aus der Ruhe bringen. Drogen nahm ich nur zur Belustigung, nicht, weil ich sie brauchte, vom Rauchen mal abgesehen, weil das wirklich "nur" ein folgenreicher Fehler von vor ein paar Jahren war, aber zurzeit scheint mein Leben nur noch aus einer Aneinanderreihung von Räuschen zu bestehen. Manchmal frag ich mich ernsthaft, wie weit ich vom Alkoholismus noch entfernt bin.
Der Grund dafür?
Ich werd Vater, und zwar sehr (!) unerwünscht. Sie ist gerade mal sechzehn und wir waren nie zusammen, ich habe versucht, sachlich mit ihr zu reden, sie angeschrien und alles dazwischen versucht, aber sie will das Vieh behalten.
Was soll ich tun? Als Typ hast du keine Chance.
Seitdem hatte ich keinen Sex mehr, seit mittlweile fast vier Monaten; noch eins der Dinge, die ich vorher mehr als oft genug betrieben hab.
Ich weiß, ich hör mich schräg an. Aber hey, ich bin seit einer Ewigkeit Single, einfach weil es mir passt, ich habe niemandem Treue geschworen. Was mein Liebesleben angeht, zumindest den Teil, in dem es um Gefühle geht, gibt es seit einer halben Ewigkeit eigentlich nur ein einziges Mädel zu erwähnen, und das ist eine andere, dafür aber umso längere Geschichte. Ich wette, dat Ding landet irgendwann im Rausch auch nochmal auf dieser Seite, wenn ich nachts angetrunken etwas gefühlsduselig werd, wa?

Ich hab das mit der Kippe mittlerweile hinbekommen, fisch in meinen Hosentaschen nach dem Zippo herum und starre beim Rauchen den Fernseher an. Der läuft dauernd, allerdings mit abgeschaltetem Ton. Diese TV-Spasten mit ihren verführerischen Stimmen machen mich wahnsinnig. Als ob ich Activia kauf, nur weil mir eine alte Frau erklärt, sie habe jetzt keine Probleme mehr in ihrem Berufsleben. Als ob mir Activia helfen würde...
Ich schmeiß zwei Aspirin ein, was eine dumme Idee ist, weil auf dem großflächigen, niedrigen Couchtisch die leere Weinflasche steht, die ich unter anderem gerade getrunken hab, und Aspirin macht alles nur noch schlimmer. Ich beschließ, aufzustehen, bevor das Zeug wirkt und mich eine Mischung aus Medikamenten und Alkohol aufs Sofa fesselt, stelle dann aber fest, dass sich auch ohne Aspirin schon alles ganz ordentlich dreht und außerdem hab ich gerade in dem Moment nichts zu tun, also kann ich mich genauso gut wieder hinsetzen.
Ersma eine rauchen. Und jetzt? Meine eben erwähnte geschwängerte Bekannte anrufen? Nein, das würde meinen Blutdruck unnötig hochjagen. Meine danach ebenfalls erwähnte beste Freundin anrufen? NAAA! Wehe! Denk nicht mal dran! Ich hasse es, wenn sie mich in diesen Zuständen erlebt. Gibt es eigentlich noch jemanden außer ihr, dessen Meinung über mich mich interessiert? Meine Mom vielleicht. Sie ist eine wundervolle Frau, ich bewundere sie sehr.
Wann hab ich mich eigentlich das letzte Mal bei ihr gemeldet? Als ich mal wieder nüchtern war? Wann zum Teufel war ich eigentlich das letzte Mal weder angetrunken noch verkatert??
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25.4.11 20:28


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