PLACEBO - @ myblog.de
NOCH MEHR INCLUDED

Ich bin gerade auf der Treppe zu meiner Wohnung, als Adrian und Lars plötzlich breit grinsend hinter mir stehen und drauflosquatschen.
Adrian und Lars sind so ziemlich die schlimmsten Nachbarn, die man sich vorstellen kann. Beide um die zwanzig, beide Job im Radio, wohnen die zwei in der ersten Etage zusammen. Ich hab mich schon ein paarmal gefragt, ob sie schwul sind, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen. Wenn sie schwul wären, würde mich das gar nicht stören. Was mich aber stört, sind ihre Stimmen - egal, was sie sagen, sie haben immer diesen widerlichen Schleimton drauf, sodass man die Smilies um die Sätze quasi mithört.
" Du, Chris, wir müssen mal reden. "
"Hatte ich mir fast gedacht."
" Du kennst doch sicher noch Miss Braun? "
"Nein."
" Die nette ältere Dame, die neben uns wohnt. Sie hat sich über die Geräusche aus deiner Wohnung beschwert. "
Wenn ich eins nicht bin, dann zu laut. Ich höre keine laute Musik und ich hatte seit Silvester keinen Sex mehr, deswegen kann ich ihm wohl nicht ganz folgen.
" Sie meinte, es wären meistens ziemlich eindeutige Geräusche. Haahaahaa. Na, du weißt schon. Haahaahaa. "
" Genau, du weißt schon. Haahaa. Das Haus ist hellhörig. "
" Wir haben das auch gemerkt. Haahaa. "
"Ihr wohnt zwei Stöcke unter mir."
" Ja, aber wir hören wie die Wildfüchse! "
Sie müssen Josh meinen, der legt im Normalfall auch mindestens zweimal in der Woche jemanden flach. Kommt zwar nicht an meinen Durchschnitt von vor Silvester ran, aber gut.
" Übrigens, wir wollten dich für eine kleine Nachbarschaftsparty gewinnen. Damit die älteren Hausbewohner noch mehr included sind. "
Scheiße, sind die zwei behindert. Ich hab sie unterschätzt.
" Adrians Idee mit der Einkaufshilfe war ja schon sehr gut, aber es wäre schon semi-smashing, wenn du auch nur kommen würdest. "
"Oh ja, bestimmt.", antworte ich trocken und mit unverkennbarer Ironie.
" Alle thumbs up, hahaa! "
" Also, Chris, ich sag das jetzt nochmal ganz straight, wir brauchen noch Kuchen. Und Kuchen means selfmade, rightpopight? "
Unverkennbar? Mir steht die Kinnlade offen.
" Porbiers einfach, wir lassen uns von dir amazen! "
" Wir verbinden international spirit mit local touch. "
Wortlos drehe ich mich um, steige schnellstmöglich die übrigen Stufen nach oben und verschwinde in meiner Wohnung.

Ich bin kurz davor, mir eine Flasche Pastis zu schnappen und den Vorfall auf der Treppe einfach so lange zuzuschütten, bis ich ihn vergessen hab, als ich feststelle, dass mich in meiner Wohnung die nächste Überraschung erwartet.
Ich werde von einer dichten Rauchwolke empfangen, aus der mir unverkennbar der Geruch von Mariuhana entgegenweht.
Mittendrin sitzen Sam, Nick und Josh.
"Was wird das denn hier?!", stöhne ich und lasse mich neben Nick auf eins meiner schwarzen Sofas fallen.
"Wir feiern hier ´ne kleine Party.", antwortet Nick, dessen Pupillen für sich sprechen, und reicht mir einen Joint.
Nachdem der Rauch hier dichter steht als in der Kneipe nebenan, kann ich natürlich nicht widerstehen. Und stelle fest, dass die Jungs ordentlich was reingehauen haben.
Ich nehme ein paar tiefe Züge, bemerke, dass sie drei gottverdammte Joints haben, und behalte den, den ich in der Hand halte.
Bereits nach wenigen Sekunden setzt die Entspannung ein und ich lasse mich mit einem Stöhnen tiefer in die Couch sinken.
Mit dem Arbeiten sieht es heute wohl eher schlecht aus.

Wenig später wird aus der Kifferparty eine Graffitisession. Nick dreht Kippen, Sam hat Musik aufgelegt und zeichnet, und Josh hat zwar keine Ahnung davon, ist aber von dem Graffitifilm, den er in meinem Regal gefunden hat, extrem fasziniert.
________________________________
29.6.11 20:31


INTERPRETATIONEN

Zuerst dachte ich, mein Onkel würde sich einfach Zeit lassen - jetzt weiß ich, dass der einzige Grund, weshalb er so lange gebraucht hat der ist, dass er statt dem erwarteten Roman einen Text dermaßenen Ausmaßes geschickt hat, dass er den 26-teiligen Brockhaus übertrifft.
Und das, was er geschrieben hat, wollte ich eigentlich gar nicht wissen. Missgelaunt stecke ich mir eine Kippe an, fange an zu lesen, hole mir zwischendrin eine Flasche Rotwein und stehe fünf Minuten lang auf dem Balkon - letztendlich lande ich wieder mit meinem Macbook auf der Couch. Irgendwie komme ich nicht davon los.

Das, was er in den Traum interpretiert hat, wollte ich eigentlich gar nicht wissen - vor allem hab ich es nicht erwartet, weil ich ihn für sinnlos hielt.
Wie auch immer, er hat mich mit dem Vogel verglichen.
Mit dem Kleinen.
Der, der kurz davor is, vor Erschöpfung die Flügel anzulegen und sich ins Meer zu stürzen.
26.6.11 19:25


SCHLAFLOS

Ich wache mitten in der Nacht auf, richte mich ruckartig auf und brauche einen Moment, um zu blicken, wo ich bin. Ich lieg auf meiner Couch, neben mir mein offenes Macbook.
Mit einem Finger fahre ich über das Mousepad und kneife die Augen zusammen, als der Bildschirm aufflackert - viel zu hell für meine Nerven.
Ich habe Kopfschmerzen, schon wieder, und höllische Rückenschmerzen, immer noch.
Auf dem Bildschirm erscheinen irgendwelche Textdateien, an deren Erstellung ich mich zumindest noch vage zu erinnern glaube, speicher sie ab, klappe das Macbook zu und hieve mich ächzend von der Couch.
Schwankend suche ich mir einen Weg in die Küche und kippe ein paar Gläser Wasser herunter, bevor ich mich müde gegen die Spüle lehne.
Wenig später wird mir klar, weshalb ich plötzlich aufgewacht bin - ich hab irgendwas völlig sinnloses geträumt;
Ich erinnere mich an einen unscheinbaren, braunen Vogel, der von einem gewaltigen Adler verfolgt wurde. Tief unter ihnen der Ozean, schossen Jäger und Gejagter in den wildesten Manövern durch den stürmischen, schwarzen Himmel, bis der kleine Vogel irgendwann seiner Erschöpfung nachgab, die Flügel anlegte und sich einfach fallen ließ.
Er schlug wie ein Stein auf dem Meer auf, wo er zwischen aufgewühlten, schwarzen Wellen versank.
Ich werde daraus nicht wirklich schlau, erwarte derartige Leistungen allerdings auch nicht mehr von meinem Hirn. Nicht um diese Uhrzeit.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer sammel ich eine Packung Kippen und mein Macbook ein, bevor ich mich aufrecht in mein Bett setzte. Ich inhaliere den Rauch tief und starre den Laptop dabei an.
Schließlich klappe ich ihn wieder auf, lasse den Bildschirm über eine Berührung aufflackern und schreibe eine kurze Email darüber an einen Onkel, der seit Jahren in Australien lebt und Träume erforscht, nachdem er von diesem Ureinwohnerstamm der Aborigines gehört hat.
Es sind nur drei, vier, kurze Zeilen, aber er wird sich zu Tode freuen und mir seitenweise zurückschreiben, garantiert.
______________________________________
20.6.11 04:09


WENDEPUNKT

Ich hab die ganze Woche über extrem wenig geschlafen und merk mir meinen Schlafmangel mittlerweile deutlich an. Schlafmangel ist nichts Neues - dass ich ihn nicht mit Aufputschern verdränge, um ihn irgendwann eigentlich viel zu spät halbwegs aufzuholen, schon.
Es ist nicht so, als ob ich durchgefeiert hätte. Ich hab viel gearbeitet, nicht nur für die Redaktion, auch wieder an ein paar Graffiti-Projekten, ergo hab ich diesen Monat zusätzlich mal wieder einen ordentlichen Batzen Geld auf dem Konto.

Trotzdem bin ich zurzeit eher reizbar als zurfrieden.
Die meisten Leute in meinem Umfeld nerven mich. Emma zum Beispiel, und dieser Paal aus dem Büro. Yasmin sowieso. Meine Mutter hat einen neuen Freund, den ich nicht ausstehen kann und der mich aber nicht weiter stören würde, wenn sie nicht jetzt, wo ich fast vollährig bin, das Bedürfnis entwickeln würde, Familie zu spielen, und zu allem Übel ist Giucie auch noch die kompletten nächsten zweieinhalb Wochen weg.
Ich rauche wieder mehr. Nicht, dass ich irgendwann wenig gequalmt hätte, aber im Moment bringe ich es locker auf ein tägliches Minimum, das ich lieber nicht erwähnen will. Ab und zu überlege ich, ob ich mir nicht wieder angewöhnen soll, zum Rauchen auf den Balkon zu gehen, aber so, wie ich im Moment drauf bin, würde das bedeuten, dass sich mein Leben in Zukunft fast komplett auf dem Balkon abspielen würde.
Dabei weiß ich nicht mal, was eigentlich los ist.
Abgesehen davon, dass mich mein Rücken aus nach wie vor unbekannten Gründen umbringt, hat sich eigentlich nicht viel verändert.

Wie schon gesagt, ich bin echt am Ende und bin vorher auf der Couch eingepennt.
Normalerweise träume ich nicht, aber irgendwas hab ich geträumt, das mich nachdenklich gemacht hat.
Das meiste hab ich schon wieder vergessen, wirres Zeug, wie ein verwischtes Hintergrundbild, aber ich weiß noch, dass ich geträumt hab, dass Yasmin ihr Kind bekommt.
Es war ein Mädchen. Sie hieß Rachel.

Ich hab mir nie groß Gedanken über die Details gemacht - wer den Namen aussucht und den ganzen Kram.
Irgendwo hab ich mir natürlich schon gedacht, dass Yasmin ihr irgendeinen Pseudo-Ami-Namen geben wird, vielleicht London oder Brittany.
Aber Rachel gefiel mir, schon immer. Rachel ist .. klassisch.
Noch während ich (rauchend) auf dem Sofa sitze und nachdenklich die Wand anstarre, fasse ich den Entschluss, dass ich auf keinen Fall zulassen werde, dass das Kind irgendeinen Pseudo-Ami-Namen bekommt.

Und noch während ich so nachdenke, wird mir klar, was passiert ist.
Das Kind ist für mich nicht mehr nur komplett sachlich und objektiv, seit ich diesen Traum hatte.
Plötzlich hat sie ein Gesicht. Sie.
Yasmin hat mir das Geschlecht noch nicht verraten - falls sie es selbst überhaupt schon weiß.
Aber wenn ich an das Kind denke, hab ich jetzt ein Gesicht vor Augen.
Sie heißt Rachel.
_____________________________________________
8.6.11 23:40


HELLA HIGH

Emma wirkt unsicher, als sie vor mir den Gang entlangstöckelt.
Ich hab vor geschätzten fünf Minuten aufgehört, ihr zuzuhören. Nichts für ungut, aber sie redet ununterbrochen von ihrer Freundin Melanie und dass ich ihrer Mutter keine Margariten schenken soll, weil sie anscheinend dagegen allergisch ist.
"Emma, entspann dich, ja? Ich weiß nichtmal, wie Margariten aussehen.", werfe ich irgendwann ein.
Sie bleibt aprupt stehen, dreht sich zu mir um und mustert mich mit einem schiefen Blick.
"Sie sind weiß, Chris. Mit einem gelben Blütenpolster in der Mitte.", antwortet sie abwertend.
"Wann hast du Botanik studiert? Zwischen Germanistik und Literatur oder erst danach?", frage ich und laufe an ihr vorbei. "Hast du eigentlich einen Freund?"
"Wieso?", fragt sie aufgebracht.
"Du bräuchtest mal jemanden zum Reden."
Nicht, dass Emma nicht hübsch wäre, und auf eine Art betont der schwarze Anzugrock natülich ihre schlanke Hüfte. Sie ist nur einfach so unglaublich .. bieder. Und das mit zwanzig.
"Du bist viel zu verkrampft.", seufzte ich und muss grinsen, als ich höre, dass sie sich wieder gefangen hat und hinter mir herstöckelt.
"Chris, du bist unglaublich niederträchtig!"
Ihre Worte verlieren daran ordentlich Dramatik, dass sie halb rennen muss, um mit meinen langen Schritten mithalten zu können. Wir sind auf dem Weg zu irgendeiner Messe, bei der anscheinend auch Emmas Freundin Melanie und deren Eltern kommen werden. Obwohl ich immer noch nicht verstanden hab, was ich mit ihnen anfangen soll, aber das liegt wohl daran, dass ich mir nicht die Mühe gemacht habe, zuzuhören.
Sie sieht ziemlich sauer aus.
"Schon okay, nett zu Melanie sein, keine Margariten für ihre Mom - wie kommst du eigentlich auf Margariten, ich wüsste sowieso gar nicht, woher ich jetzt noch Blumen kriegen soll.."
"Chris.", unterbricht sie mich genervt. "Meine Mom, nicht Melanies. Hör doch zu, verdammt! Hast du irgendwas genommen?!"
Normalerweise ist sie nicht ganz so schlimm wie heute, aber die Messe ist ihr wichtig und sie hat sich für diesen Abend schon mühevoll zwanzig Jahre älter gepolt, um reifer zu wirken. Morgen früh wird das ganze schon wieder anders aussehen.
"Du benimmst dich, als hättest du dein Hirn zwischen den Wolken.", stöhnt sie.
Mir geht Hella high von Yae durch den Kopf und ich fange an, die Melodie zu summen.
Niederträchtig, wie ich bin, habe ich den fassungslosen Killerblick, den mir Emma zuwirft, natürlich mehr als verdient.
__________________________________________________
7.6.11 20:16


FAVOURITE-RENTNER

Ich hab höllische Rückenschmerzen, als ich am Sonntagmorgen aufstehe, und brauche einen Moment, bis ich realisiert habe, dass mein Wecker es ernst meint mit der Uhrzeit. Drei Uhr Nachmittags.
Soweit ich mich erinnern kann, war ich ungefähr um Mitternacht im Bett. Ich bin gestern noch absichtlich früh schlafen gegangen, hab davor noch ein bisschen gearbeitet, alles in allem zur Abwechslung mal eine ganz vorbildliche Sache..
Benommen fange ich an zu rechnen und komme auf fünfzehn Stunden Schlaf, bevor ich genervt feststelle, dass ich mir die Mühe hätte sparen können, weil man von null auf fünfzehn auch ohne Rechnen kommen kann.
Seltsamerweise fühle ich mich nicht sonderlich ausgeruht, aber zumindest der Rest hält sich in Grenzen.
Nach der ersten Zigarette des angebrochenen Nachmittags, dessen Rest wohl meinen Tag darstellen wird, hieve ich mich aus dem Bett und stöhne prompt auf. Gelenke knacken, meine Wirbelsäule fühlt sich an, als hätte ich sie seit Jahren nicht mehr benutzt. Meine Rückenschmerzen würden denen von dem cholerischen Rentner, der früher neben uns gewohnt hat, Konkurrenz machen.
Mein Shirt klebt an meinem Rücken, mir ist heiß und mein Durst bringt mich schier um.
Im Kühlschrank stehen unter anderem zur Abwechslung mal Literflaschen mit Leitungswasser, von denen ich anderthalb kompromisslos sofort leere, bevor ich duschen geh.

Wenige Minuten später werfe ich die Wohnungstür zu und laufe eilig durchs Treppenhaus.
Im ersten Stock schließt Frau Hildebrandt gerade ihre Türe zu, wahrscheinlich will sie mit der Wurst von Hund, die mit halbgeschlossenen Augen neben ihr vor sich hinvegetiert, mal wieder Gassi gehen.
Ich konnte Dackel noch nie ausstehen. Allein ihr Gang macht mich aggressiv - die Viecher zu züchten müsste verboten sein. Keinem Hund sollte man es zumuten, einen Körper zwischen zwei dermaßenen Stummelbeinchen herumschleifen zu müssen, der dreimal so lang ist, wie er sein sollte.
Ich weiß nur, dass Frau Hildebrandt einen Enkel hat, der aussieht wie dieses Kind von den Zwiebackpackungen, nur noch fetter, was vermutlich der einzige Grund ist, weshalb ich mir ihren Namen merken kann.
Sie schaut mir misstrauisch hinterher, als ich an ihr vorbeilaufe.
"M´am?", grüße ich sie kurz, halte zwei Finger an den Kopf und muss grinsen, als ich aus den Augenwinkeln noch ihren fassungslosen Blick mitbekomme.
Sowas bessert einem ungemein die Laune.
Unten auf der Straße geht das Ganze gleich weiter, indem mir meine zweite Favourite-Rentnerin aus der Nachbarschaft entgegenkommt. Ihr Name war mir entweder nie bekannt oder irgendwann entfallen, jedenfalls wohnt sie im Erdgeschoss unseres riesigen Altbauhauses und hat ebenfalls einen Hund, allerdings einen dreckigweißen Pudel, bei dem mir die Frage aufkommt, welchen der beiden Hunde ich schlimmer finden soll.
In dem winzigen Gärtchen vor dem Haus steht ein alter Korbstuhl, in dem sie oft in der Sonne sitzt und, ähnlich wie der Dackel aus dem ersten Stock, vor sich hinvegetiert.
Mit dem kleinen Unterschied, dass sie blutjungen Männern nachstiert.
Als sie mir entgegenkommt, lege ich den Kopf schief, während ich meine Post aus dem Postfach ziehe.
Sie hat einen seltsamen Grünschimmer in ihrem üblichen blond-grau, der mich stutzig macht.
Trotzdem unterstreicht es ein Phänomen, für das ich ihr seit längerem dankbar bin; Ihre Haare sehen aus wie eine frisch geschnittene Hecke, akkurat und etepetete, etwas, was die Nachbarn auf Abstand hält.
Die Hausbewohner teilweise auch.
Der Grünschimmer gibt dem ganzen den letzten Schliff. Zufrieden lächele ich sie an, als sie sich an mir vorbeidrückt. Sie macht ihre Sache gut.
Schlucken muss ich erst, als sie mein Lächeln auf eine Art erwidert, die einen kleinen Jungen mit Sicherheit bis an sein Lebensende traumatisiert hätte. Ich hatte vergessen, wie ihr Verstand manchmal arbeitet. Es ist nicht leicht für einen Mann, von einer alten Frau Ende sechzig so angeschaut zu werden. Das ist irgendwie widerlich.

Obwohl Sonntag ist, sind ein paar Leute in der Redaktion.
Vorbildlich, der junge Herr, geht früh ins Bett und arbeitet Sonntags.
Ich hab Glück, dass überhaupt jemand da ist; mein Büroschlüssel ist nämlich seit Wochen flöten.
_____________________________
5.6.11 17:39


BEAUTIFUL SOUL

Giucie sitzt auf einem alten Stuhl rauchend auf meinem Balkon, hört mit Kopfhörern Musik und starrt auf die Straße raus. Neben ihr stehen Bierflaschen, zwei davon sind voll mit Kippenstummeln.
Gähnend fahre ich mir mit der Hand durch die Haare, als sie sich umdreht.
"Bist du eingepennt?", fragt sie und lächelt.
"Jo." Müde strecke ich mich kurz, schnappe mir zwei dicke Decken von der Couch und werfe sie ihr über.
"Danke."
Sie hat einen von meinen dunkelgrauen Kaschmirpullovern an, die ihr viel zu groß sind. Fröstelnd wickelt sie sich eine der Decken um, zündet sich eine neue Kippe an und legt den Kopf in den Nacken. Sie sieht entspannt aus, irgendwie zufrieden.
"Wie lange hab ich gepennt?", frage ich mit heiserer Stimme.
"Zwei, drei Stunden.", antwortet sie. "Bist du mit deinem Artikel wenigstens noch fertig geworden?"
"So gut wie, und dann gleich mal über dem Laptop eingepennt.", murmel ich und greife nach ihrer Kippenschachtel. Fassungslos stelle ich fest, dass sie um die fünfzehn Zigaretten geraucht haben muss.
Sie winkt ab, als ich fragend die Augenbrauen hochziehe.
"Scheiß doch drauf, die Schachtel war noch übrig."
"Ich weiß nicht, wie oft ich dich angefleht hab, nicht mit dem Rauchen anzufangen.", stöhne ich.
Giucie lacht, schließt die Augen und schlägt sich die dicke Decke nochmal um die Beine.
Ich stelle einen der Stühle neben sie, werfe mir die andere Decke über, lasse mich neben sie fallen und stecke mir einen ihrer Kopfhörer ins Ohr.
Entspannt lehne ich mich zurück, zünde mir ebenfalls eine Kippe an und höre, was sie hört. Sauberen Oldschool-HipHop.
"Du hast nicht viel geschlafen die letzten Tage, oder?", fragt sie.
"Nein.", gebe ich zu. Ich glaub, ich seh auch ziemlich fertig aus; Meine Haare stehen in alle Richtungen ab, ich bin unrasiert und laufe in Boxershorts und weiten Shirts herum.
Aber es geht mir besser als in den letzen Tagen, und mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich wegziehen soll. Irgendwo merke ich natürlich, dass sich Giucie auf eine Art von mir distanziert, die mir nicht gefällt und die es früher nicht gab, und ich habe dauernd das Gefühl, dass ich ihr nicht annähernd so wichtig bin wie sie mir. Aber sie ist hier, wir streiten nicht und irgendwie bin ich mit der Situation ziemlich zufrieden.
Wir reden lange, über alles Mögliche. Zuerst nur oberflächlich, dann mehr wie früher.
Als die allerersten Anzeichen von Sonnenaufgang am Horizont aufgehen, sind alle Kippenschachteln leer, neben uns stehen massenweise leere Flaschen und überall liegen Stummel herum.
Giucie hat ihren Kopf an meinen gelehnt, ich habe einen Arm um sie gelegt, das selbe Album von vorher läuft immer noch Schleife, und die Distanz ist weg. Wir haben viel geredet und viel geschwiegen, und im Moment bin ich einfach nur glücklich mit allem so, wie es ist. Mit Giucie im Arm.

Wenig später fängt es tierisch an zu regnen und wir müssen rein, noch bevor die Sonne aufgegangen ist.
Sie pennt neben mir in meinem Doppelbett, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bleibe eine Weile wach, höre ihr beim Atmen zu, und habe immer noch einen Arm um sie gelegt.
Irgendwann bin ich dann wohl doch auch eingeschlafen.
__________________________________________
2.6.11 03:24


MR BRIGHTSIDE

_________________________________________
MATLOCK - MOONSHINE
When life gives you lemons, make some fuckin´ lemonade..
Hörts euch an, der Typ is genial.
_________________________________________

Wir sitzen entspannt unter unserer Stammbrücke, rauchen, lassen die Blicke von hier oben über große Teile der Stadt und das ganze Schienennetz der Züge schweifen, und hören Musik.
Nick und Sam übernehmen grinsend abwechselnd Textabsätze und rappen ausschweifend gestikulierend um die Wette.
Es riecht nach feuchtem Lack, irgendwo gehen ein paar Joints herum, der Beton ist noch warm und die Sonne geht gerade erst unter. Tino sitzt neben mir, hat den Kopf in den Nacken gelegt und bläst gedankenverloren Rauchringe.
"Was willst du eigentlich machen, wenn du deine Abi-Ergebnisse kriegst?", frage ich irgendwann.
Er zuckt die Schultern. "Mal schaun. Ich schätz mal ich bleib beim Marketing, läuft gut zurzeit. Mein Chef respektiert mich mehr als diese ganzen Idioten, die seit Jahren da arbeiten." Amüsiert schließt er die Augen.
"Passt doch, Marketing liegt dir."
"Und du? Bleibst du beim Journalismus?"
"Wahrscheinlich schon. Das is das einzige, was ich kann, was sich halbwegs vermarkten lässt.", grinse ich.
"Scheiße mann, willst du mich verarschen? Du verdienst doppel so viel wie ich, Alter!" Tino lacht. "Und sonst?"
Ich ziehe, blase den Rauch langsam wieder aus und starre ihm nach.
"Ich weiß nicht, was ich wegen Yasmin machen soll. Ich hab ihr gesagt, dass ich mit dem Kleinen nichts zu tun haben will, aber andererseits kann ich natürlich auch schlecht einfach wegziehen."
"Scheisse, Chris, du bist ganz schön im Arsch.", murmelt er.
Ich antworte nichts. Eigentlich kommt mir das alles in letzter Zeit nur noch halb so schlimm vor. Vielleicht gewöhnt man sich daran, "im Arsch" zu sein, aber wenn ich ehrlich bin, bin ich nach langem Nachdenken zu der Erkenntnis gekommen, dass das Einzige, was sich in den letzten zwei Wochen geändert und meine Laune wirklich gebessert hat, die Tatsache ist, dass ich mich wieder besser mit Giucie versteh.
Als ob sie mich daran erinnern würde, wie ich früher war.
Nicht, dass mich sehr auf meine Zukunft freuen würde, aber hey, ganz ehrlich - ich steh drüber. Scheiss doch drauf. When life gives you lemons, make some fucking lemonade.
Matlock ist ein krankes, krankes, krankes Genie, und ich brauch nichtmal Drogen, um mich von seinen Texten aufpushen zu lassen.
Da siehse ma.
__________________________________________________
30.5.11 21:56


HAHNENKRIEG

Jim jagt einen Aufschlag übers Netz, den ich nur knapp zurückschlagen kann.
Der Ball scheint höchstens jede zweite Sekunde überhaupt mal aufzukommen, flache Bälle, harte Schläge.
Wumms. Wumms. Wumms.
Jeder Schlag donnert durch die leere Halle wie ein Schuss.
Er grinst und haut ein paar Kurze rein, die mich ordentlich ins Schwitzen bringen. Wie lange hab ich nicht mehr so ausdauernd trainiert? Wir spielen seit knapp einer Stunde in dem Tempo.
Jim tut gerne so, als würde ihm das hier nichts ausmachen, aber ich merke ihm an, dass er langsam müde wird. Er überspielt es und grinst weiter. Reine Provokation.
Ich kann den Typ nicht ausstehen. Als ich vorher einfach in der Halle aufgekreuzt bin, weil ich richtig miese Laune hatte und mich mal wieder ordentlich auspowern wollte, hab ich nicht damit gerechnet, von ihm herausgefordert zu werden.
Was braucht der Typ? Beachtung? Aufmerksamkeit? Bestätigung?
Keiner von uns fordert andere dermaßen arrogant auf, als ob Tennis ein Wettbewerb wäre, den wir alle unbedingt gewinnen wollten. Aber es hat zu meiner Laune gepasst und die Vorstellung, Jim mal eins reinzuwürgen, fand ich nicht schlecht.

Julian sitzt seit einer Stunde mit verschränkten Armen auf der Bank neben dem Netz und beobachtet aufmerksam alles, was wir tun, daneben sitzt Felix. Er ist eine halbe Stunde danach gekommen und es scheint ihn dermaßen zu interessieren, wie das Ganze ausgeht, dass er einfach sitzen geblieben ist. Die zwei verfolgen jeden Schlag, statt einfach selbst miteinander zu spielen.
Fast schon knurrend haue ich Jim ein paar Bälle entgegen, die er nur knapp bekommt.
Er springt und schlägt von oben.
Konzentration auf den Ball, nie den Ball aus den Augen verlieren. Nicht nachdenken.
Ich nehme das kleine, gelbe Ding nur noch aus der Ansicht wahr, die ich am meisten gewöhnt bin - leicht verschwommen; ein gelber Streifen, den es übers Netz zu hauen gilt. Man kommt kaum mit.
Nicht denken. Bei der Geschwindigkeit, in der wir nach jahrelangem Training mittlerweile spielen, macht man Fehler, sobald mal anfängt, nachzudenken.
Erhöhter Blutdruck, ich höre mein Blut in den Ohren rauschen und spüre jeden einzelnen Muskel.
Aggressiv schlage ich das Teil mit einem hübschen Knall wieder auf die andere Seite. Jim hat Mühe, ihn zu erwischen. Wenn ich eins beherrscht, dann harte, schnelle Schläge. Seine Stärke sind eindeutig Aufschläge, aber ich gebe ihm wenig Möglichkeiten dazu, das auszunutzen.
Ich lasse meine ganze Aggression an dem Ball aus, und Jim bekommt das hart zu spüren.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich Julians breites Grinsen.

Dann erwische ich einen seiner Bälle nicht ganz so gut.
Er ist zu hoch und zu langsam, ein regelrechtes Geschenk an Jim, der jetzt hochspringt und den Ball ähnlich wie einen Aufschlag von oben auf meine Seite donnert.
Innerhalb eines Sekundenbruchteils reißt er das Maul auf und will mich gerade mit Genugtuung konfrontieren, als ich seinen Ball relativ gut doch noch erreiche, ein letztes Mal aushole und den letzten Schlag des Matches mit einem aggressiven Knurren auf seine Seite jage.

"Fett, Alter!", ruft Felix fassungslos, Julian springt grinsend auf.
Schwer atmend stehe ich mitten auf dem Platz, den Schläger nur noch locker im Griff, spüre mein Blut pulsieren und jeden einzelnen Muskel. Mein Arm schmerzt wie die Hölle.
Jim braucht einen kurzen Moment, um zu blicken, was passiert ist. Keuchend, aber definitiv wütend, starrt er mich an.
"Immer aufmerksam bleiben, Jimmy.", ruft Felix grinsend, aber er beachtet ihn gar nicht.
"So. Und jetzt?", fragt Jim heiser über den Platz, reckt den Hals und sieht mich mit zusammengebissenen Zähnen an. "Irgendwelche selbstzufriedenen Vorträge?"
Einen Moment lang sage ich gar nichts. Julian und Felix laufen mit unseren Schlägertaschen an mir vorbei und schlagen mir kurz auf die Schulter.
"Nicht schlecht fürn Kettenraucher.", lacht Felix.
"Chris, komm schon. Ich weiß, dass dir irgendwas auf der Zunge liegt.", spottet Jim. "Sag einfach, du hast mich fertiggemacht, dann haben wirs hinter uns. Mach schon, ein bisschen Genugtuung."
Ich schnaube missbilligend, drehe mich um und folge Julian, der meine Tasche hat.
"Der Verlierer zieht den Platz ab, Jimmy."
___________________________________

23.5.11 20:27


WHOLETRAIN

"Scheiße, Chris, hast du das Teil gesehen? Hast du das Teil gesehen? Das war der absolute Hammer!", ruft Sam dem Zug hinterher. "Leute, schaut euch das Ding an!"
"Fuck.", stöhnt Tino und wirft den Kopf in den Nacken.
Nick kommt angenervt über den Bahnsteig auf uns zu.
"Hat einer von euch Robin gesehen?", fragt er.
"Nein,", knurrt Sam, "aber einen komplett bemalten Zug, den du verpasst hast. Ich mein - scheiße, habt ihr das Teil gesehen?!"
"Sam, halt den Ball flach.", unterbreche ich ihn und werfe einen Blick auf die Anzeigetafel.
"Hat jemand ´ne Kamera dabei?", fragt Nick.
Sam zieht missgelaunt eine Einwegkamera aus der Jackentasche und schnalzt missbilligend mit der Zunge.
"Wegwerfen.", fordert er.
"Nick, willst du mich verarschen?" Sam kommt auf ihn zu und hebt die Hände.
"Sam, reg dich ab.", wiederhole ich, diesmal eindringlicher.
"Sind da Bilder drauf?", fragt Nick.
"Nein, mann."
"Gib das Ding mal her."
Widerwillig lässt er sich die Einwegkamera abnehmen, dreht sich um, läuft ein paar Schritte im Kreis und fährt sich dann aufgebracht durch die kurzen Haare, bis er Nicks genervten Blick bemerkt.
"Was?"
"Da is ein Film mit der Hälfte deiner Sketche drauf, du Idiot!" Drohend stellt er sich vor ihn. "Sam, ich sag dir ständig, dass du die Scheiße lassen sollst! Entweder, du schleppst ununterbrochen dein Blackbook mit, oder du machst beschissene Fotos von deinen Sketchen! Du bringst uns in gottverdammte Schwierigkeiten! Lass den Scheiß zu Hause!", redet er mit gesenkter Stimme wütend auf ihn ein.
"Jungs, Robin kommt.", stelle ich fest.
Nick wirft Sam noch einen wütenden Blick zu, dann dreht er sich zu seinem Schützling um.
"Hey, Rob.", begrüßt er ihn und schlägt ihm kurz auf die Schulter.
"Nick, ich hab nen neuen Sketch.", antwortet Robin sofort leise und fängt an, ein paar Blätter aus der Innentasche seiner Jacke zu graben.
"Hey, hey, nicht hier.", bremst ihn Nick und wirft Sam nochmals einen drohenden Blick zu.
Tino steht ein paar Meter abseits und starrt wortlos in die Richtung, in der der Zug längst verschwunden ist.
"Jungs, lasst uns abhauen. Da hinten kommen Bullen und ich hab grad echt keinen Bock auf Ausweiskontrollen.", unterbricht uns David und nickt kurz Richtung Treppe.
"Wieso Ausweiskontrolle?", fragt Robin überrascht.
"Die kennen uns. Die Leute, die hier Dienst haben, kontrollieren uns hier ständig.", murmelt er und schnaubt. "Als ob irgendwas an den Ausweisen beweisen würde, was wir tun."
Nick hält Sam an der Schulter fest, als er die Kamera wegschmeißen will. "Steck sie zurück und schau, dass du hier wegkommst, okay? Entsorg das Ding ordentlich."
Sam nickt kurz, bevor er seine Schulter mit einem Ruck aus Nicks Griff dreht und sich in schlenderndem, lässigem Gang von uns entfernt.
"Kommt schon, Jungs." Nick weist mit dem Kopf in Richtung Treppe. "Raus hier, den Rest klären wir nachher."


____________________________
17.5.11 17:40


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]
Gratis bloggen bei
myblog.de