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UTOPIE

Ich bin echtn Arsch.

Meine Tochter ist zur Welt gekommen - eine sie, ich habs einfach gewusst, und Gott sei Dank hatte dieses bescheuerte Mädel zumindest genügend Anstand, sie nicht Britney, London oder Paris zu nennen, sondern, meinem einzigen Namenswunsch nach, Rakel.
Mag manchen Leuten seltsam vorkommen, aber Rakel ist für mich ein wunderschöner norwegischer Mädchenname, der mich irgendwie sehr an Giucie erinnert. Ich weiß nicht warum, aber ich assoziiere damit immer ihre Art, dieses Vintagezeug aus alten Filmen, das wir beide so lieben.

Ich weiß, ich sollte mich um andere Dinge kümmern, und Giucie selbst hat momentan eigentlich auch genug Stress, aber ich konnte es mir einfach nicht nehmen lassen, sie nochmal zu sehen. Ich pendel jetzt seit Wochen zwischen Berlin, Stuttgart und ihr hin und her - ziel-, meinungs- und ahnungslos.

Ich kann sie nur bewundern. Ich kann sie nur bewundern, und ich bin nicht in der Lage, bestimmte Gedankengänge aufzuhalten, wenn ich sie sehe. Ich habe es längst aufgegeben.
Sie ist so unglaublich schön - die großen blauen Augen, die lockigen, dunkelblonden Haare, ihre schlanke Figur. Sportlich-schlank, nicht abgemagert, kurvenreich. Die etwas zu große Nase, die auf den ersten Blick das einzige ist, das dem Gesicht etwas von seiner Schönheit nimmt, auf den zweiten Blick aber sehr interessant wirkt und sie von anderen abhebt.
Als mir auffällt, dass sie mich nur noch mit hochgezogenen Augenbrauen ansieht, anstatt weiterzureden, stöhne ich kurz, schließe die Augen und lege beim Versuch, das Bild loszuwerden, das sich in meinem Kopf festgesetzt hat, den Kopf in den Nacken. Ohne Erfolg. Wenn sie wüsste, was ich hier für einen Kampf führe.
Resigniert stecke ich mir eine Kippe an und erwidere schließlich ihren Blick. Sie schaut mich genau so an, wie sie es meistens tut - wissend, durchschauend, besorgt, durchdringend. In erster Linie durchdringend.

Ich muss fast lachen, als ich sie so sehe. Sie hat eine unglaublich gute Menschenkenntnis und scheint immer zu wissen, was in ihrem Gegenüber vor sich geht. Wäre da nicht ein einziges Detail, das enorm aus der Reihe tanzt, würde ich mich in Grund und Boden schämen - wenn sie meine Gedanken nur erahnen könnte, was sie selbst angeht, bin ich mir nicht sicher, ob sie nur Angst kriegen, mich erdrosseln oder schlichtweg wegrennen würde. Haha.
Sie ist so unglaublich naiv, wenn es um Jungs geht. Sie hat keine Ahnung, was sie für eine Wirkung auf mich hat, wie ihre eleganten Bewegungen, dieser intelligente Blick und ihre selbstständige Art dafür gesorgt haben, dass ich plötzlich wieder ein Idealbild einer Frau im Kopf habe. Mit kleinen, charmanten Macken.
Sie schaut mich erwartungsvoll an. Ich schaue gequält zurück. Unter ihren geschwungenen Wangenknochen stechen die Schlüsselbeine hervor.
Die Spasten in ihrem Alter wissen das alles nicht zu schätzen, weil sie sich, hormongesteuert und pornoabhängig, wie sie sind, an Titten orientieren. Sie hat es nicht nötig, diese übermäßig zur Schau zu stellen, dementsprechend fällt ihr langer, schlanker Hals nur noch mehr auf und lässt die Rundungen darunter nur erahnen.

Haha. Ich sollte mich um andere Dinge kümmern, meine ungewollte Tochter zum Beispiel, oder meine Arbeit, die ich wie durch ein Wunder weiterhin behalten durfte, sodass ich jetzt per Laptop schreibe und die Artikel verschicke, aber nicht um solche zukunftslosen Vorstellungen und mein Verlangen.
12.9.11 20:31


WAHNSINN

Sie macht mich wahnsinnig. Alles macht mich wahnsinnig.
Ich dreh durch.

Noch während ich rauchend auf meinem Balkon sitze, rede ich mir ein, dass ich nicht wüsste, weshalb ich in der Stadt geblieben bin, aber mir ist klar, dass das nicht stimmt.
Nächsten Monat kriegt sie ihr Kind, vor anderthalb Wochen bin ich achtzehn geworden.
Ich erinnere mich noch gut daran - die ganze Scheissnacht angetrunken, abwechselnd Tabak und Dope rauchend auf der Couch, den Blick immer starr auf mein Handy gerichtet.
Sie hat sich nicht gemeldet. Sie war weg, irgendwo in Italien, mit Freunden ihrer Familie, die einen großen, gutaussehenden Sohn haben, den sie seit Ewigkeiten kennt und der ihr Surfen beibringen wollte.
Sie hat meinen beschissenen Geburtstag verpennt, verdammt, also hab ich meine frisch erreichte Volljährigkeit zum Anlass genommen, endlich abzuhauen. Endlich volljährig, weg von hier.
Erst auf der Autobahn Richtung Berlin sind durch meinen benebelten Kopf erste Zweifel aufgekommen, eine bunte Mischung aus Erleichterung und Gewissensfragen, die sich um Schuld und Verantwortung drehten.
Ich musste permanent an sie denken - Giucie in diesem beigen Kleid, ihre großen, blauen Augen, der wissende Blick, das sanfte, leicht schiefe Lächeln, mit dem sie mich so oft angeschaut hat. Wie ich mich neben ihr unreif fühlte - neben einem Mädchen, das gerade erst fünfzehn geworden ist.
Bei der Erinnerung an das Kleid bleibe ich hängen, schnaube, als ich daran denken muss, wie sie in der Küche stand und den Kühlschrank durchsucht hat, meinen Blick über die Theke im Nacken und meine Gedanken, die sich nur darum drehten, mich hinter sie zu stellen und sie dorthin zu küssen.
Meine Fresse, wie oft ich mir ausgemalt hab, sie flachzulegen.

Ich könnte über mich selber lachen. Tino hat so oft gesagt, dass ich das alles haben könnte. Ich hab kein einziges Mal mit ihr darüber geredet, sie wusste es gar nicht. Sie ist so naiv. Ich bin ein Typ, verdammt. Ein Vergewaltiger mit meinem Verlangen nach ihr hätte sie längst totgevögelt.
Ich stand ständig im Konflikt mit mir selbst - mein Drang, sie völlig grundlos vor allem zu beschützen, inklusive irgendwelchen Arschlöchen und Sex, dann dieses gottverdammte Verlangen danach, ebendiesen mit ihr zu praktizieren.
Meine Hormone spielen verrückt. Alles bringt mich um. Ich weiß nicht, wo ich die Kraft hernehme, sie nicht ernsthaft einfach flachzulegen. Rein körperlich bin ich ihr hoffnungslos überlegen, sie hätte keine Chance. Es hat mich unglaubliche Mühen gekostet, mich unter Kontrolle zu halten - wenn ich viel getrunken hatte, versuchte ich, sie nicht in meiner Nähe zu haben - aus reiner Angst, ich könne mich verlieren.
Bei ihr kann ich für nichts garantieren.

Klar hätte das alles keine Zukunft, schließlich werde ich nächsten Monat unfreiwillig Vater. Überflüssig zu erwähnen, dass Giucie nicht die Mutter ist.
Sehr erwähnenswert ist dagegen die Tatsache, dass mein Marathon gefühlsloser Sexaffären durch die Feststellung ebendieser Schwangerschaft unterbrochen wurde und ich seit acht Monaten keinen Sex mehr hatte. Einerseits, weil ich mich normalerweise hormontechnisch top unter Kontrolle hab, andererseits, weil durch dieses Kind meine Welt zusammenbrach und ich gewissermaßen von Sex kotzen könnte.
An der Stelle ist Giucie die Ausnahme, weil sie mich echt an meine Grenzen bringt. Seit Monaten.

Keiner weiß, dass ich wieder da bin - vor ein paar Stunden angekommen, sitze ich jetzt wieder in meiner alten Wohnung, während alle anderen weiterhin davon ausgehen, dass ich in Berlin bin.
Ich hab nach langen Gesprächen mit Giucie den Entschluss gefasst, hier zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und ein guter Vater zu sein. Oder zumindest für das grade zu stehen, was ich ausgefressen hab. Ohne Yasmin, aber für die Kleine wollte ich da sein.
Giucie wird denken, ich hätte das alles nur gesagt, um ungestört zu sein, und mich, sobald ich achtzehn geworden wäre, aus dem Staub zu machen.
Aber es hat mich einfach fertiggemacht, dass sie meinen Geburtstag verpennt hat, die Verlockung, endlich dauerhaft nach Berlin zu fahren, war plötzlich so nah, und ich war betrunken und steigerte mich in meine Gedanken hinein.
Ich wollte nicht einsehen, warum ich mich um ein Kind kümmern und zahlen sollte, das ich gegen meinen ausdrücklichen Willen von einer naiven ***** bekam. Wo ist da das Menschenrecht? Wer greift ein, wenn meine Welt zusammenbricht, weil ein offensichtlich zukunftsloses, assoziales Mädchen entgegen aller Vernunft unbedingt ein Baby will??
Und am Ende war ich einfach nur noch müde. Müde, Yasmin ständig anschreien zu müssen, sie solle sich verpissen, weil ich ihr von Anfang an gepredigt habe, dass ich mit ihr nichts mehr zu tun haben will, müde davon, Giucie permanent zu vermissen und mich mit aller Kraft zusammenzureißen, wenn sie bei mir war, um keine Dummheiten zu machen, mich von ihr loszureißen, wenn wir doch aneinandergerieten und die Situation außer Kontrolle geriet, müde davon, ein Leben zu leben, das noch vor acht Monaten ein Traum gewesen wäre, perfekt zu mir gepasst hätte und gerade wieder in den richtigen Bahnen lief, und das durch einen einzigen Anruf, ausgerechnet an Silvester, komplett in sich zusammenbrach.
27.8.11 02:30


WARTEN AUF DEN AUSFALL

Das mit meinem kaputten Türschloss hab ich gestern noch geregelt, dafür sitze ich jetzt seit drei Stunden auf meiner Couch, rauche, schreibe an einem Artikel für die Redaktion, ohne wirklich weiterzukommen, und friere dabei wie ein Hund, nur weil die Scheissheizung nicht mehr funktioniert.

Ich hab tierische Kopfschmerzen und mindestens drei Aspirin im Zehn-Minuten-Takt eingeworfen, obwohl ich weiß, dass die bei Migräne nicht helfen.
Jetzt versuche ich, das ganze durch Alkohol auszugleichen. Keine besonders gute Idee, die vor allem meine Arbeit nicht gerade vorantreibt, aber zumindest hält mich das Zeug bei Laune.
Irgendwie muss man ja schlafen können.
Im Moment ist an Schlaf allerdings auch nicht wirklich zu denken. Neben meinem Schädel bringt mich mein Rücken um - Aspirin scheinen auch dagegen nicht zu helfen - und es ist so kalt, dass ich zittere. Kippen helfen dagegen relativ wenig.

Als mir auffällt, dass Medikamente mit Alkohol eine bekannt schlechte Mischung ergeben, ist es eigentlich schon zu spät. Aber der Ausfall lässt auf sich warten. Mein Gleichgewichtssinn schränkt sich langsam ein, aber das ist ein bekanntes Gefühl, mit dem ich umgehen kann.
Als ich auch fünf Minuten später noch lebe, beschließe ich, einen kurzen Ausflug in die Küche zu wagen, um Wasser zu holen, aber letztendlich ist der Rotwein irgendwie verlockender.
Spätestens nach meinem zweiten Glas hab ich mich dann mit dem Gedanken abgefunden, dass ich heute nichts sinnvolles mehr zustande bringen werde und der Artikel bis morgen warten muss.

Am Ende drehen sich meine Gedanken nur noch darum, dass Giucie am Dienstag kommen wollte. Scheiße. Irgendwie macht mich das nervös.
1.8.11 01:50


VORBEREITUNGEN

Meine Mom will am Wochenende hier aufkreuzen - Ein "kurzer" Familienbesuch, wie sie es nannte, alles, was ich zu tun hätte, wäre um ausgemachte Uhrzeit zu Hause zu sein, legte sie mir mit einem lieben Lächeln ans Herz.

Alles, was ich zu tun haben würde, wäre den Alkohol auf ein Minimum zu reduzieren und die Überschüsse genau wie sämtliche zahlreich auffällige Zigarettenstangen irgendwo zwischenzulagern, in einem Zwei-Tages-Verfahren Rauchreste von Joints auslüften, den Kühlschrank mit irgendetwas Essbarem zu füllen, meinen überquellenden, riesigen Couchtisch genau wie ebenfalls überquellende Aschenbecher freizuräumen, mir eine Ausrede auszudenken, die rechtfertigt, warum ich kein Problem damit habe, dass mein Türschloss seit zwei Wochen kaputt ist und sich nur noch mit meiner Kreditkarte öffnen lässt (weshalb ich mir auch etwas ausdenken müsste, das rechtfertigt, warum ich kein Problem damit habe, dass andere Leute auf diese Art und Weise theoretisch natürlich auch ungehindert in meine Wohnung könnten), sicherzustellen, dass keiner meiner gestörten Nachbarn an diesem Tag hier aufkreuzt beziehungsweise meine Mom Gefahr laufen lässt, ihnen im Treppenhaus zu begegnen, und, was noch viel wichtiger ist, dafür zu sorgen, dass Josh um besagte Uhrzeit keinen Damenbesuch hat. Das wäre wirklich ungünstig. Sie würde bemerken, wie gefährlich dünn hier die Decken sind.
27.7.11 15:41


SCHLAG AUF SCHLAG

Dass meine Kondition momentan geschätzt ungefähr ein Zehntel dessen beträgt, was ich irgendwann mal in einer guten Zeit geleistet habe, hab ich bereits nach zwei Minuten gemerkt.
Mittlerweile bin ich lange über den Punkt hinaus, an dem ich die Erschöpfung noch gespürt hätte.

Stechender Schmerz fährt durch meine bandagierten Knöchel, wieder und wieder, mit jedem Schlag auf den Sandsack. Schweiß rinnt mir über die Brust und sickert in meine Hose, die widerlich an meinen Beinen klebt.
Allein mein gelegentliches Stöhnen durchfährt die Stille. Ich wirbel den Staub auf, der sich bereits in einer feinen Schicht an mir festzusetzen beginnt, und frage mich, ob ein Außenstehender das Ganze wohl als "Selbstverletzung" verstehen könnte.
Aber das ist es nicht. Ich braue keinen Schmerz, ich muss mir nur mal wieder beweisen, was mein Körper noch leisten kann - und irgendwo spielt sicher auch die Aggressivität eine Rolle, die sich irgendwann zwischen Silvester und den letzen Wochen in mein Leben eingegliedert hat.
Ich huste, bin mir aber nicht sicher, wieso. Mir schießt die Frage durch den Kopf, wie viel man rauchen muss, um seine Lunge einzuschränken und ob man bei mir schon von "gesenkter Gesamtkondition aufgrund von verstopften Lungenbläschen", auch gennant Raucherlunge, sprechen kann, wie es der Arzt meines Großonkels bei ihm so treffend beschrieb.
Schlag auf Schlag auf Schlag. In meinen Ohren rauscht mein Blut. Mein Herz schlägt dagegen an. Ich keuche, sauge Luft ein und habe trotzdem das Gefühl, dass zu wenig Sauerstoff meine Zellen erreicht. Ich muss an den Kampf mit Al vor ein paar Tagen denken, meine harten Haken und seine gebrochene Nase. Ich hatte einen enorm heftigen Schlag, und es ist auf eine Art beruhigend, zu wissen, dass ich das nach der langen Zeit immer noch zustande bringe.

Nach einer Viertelstunde leere ich eine Anderthalb-Liter-Flasche Wasser, setze mich keuchend auf eine alte, verstaubte Holzbank neben dem Boxring und lege den Kopf in den Nacken.
Ich spüre das Blut in den angeschwollenen Adern pulsieren.
Mir ist schlecht, mein ganzer Körper zittert. Mühsam wickel ich die Bandagen von meinen Knöcheln, öffne testend die Hände und beiße vor Schmerz die Zähne zusammen. Meine Knöchel sind knallrot, meine Hände zittern.
Ich brauche drei Anläufe, um mir eine Kippe anzuzünden.
Man kann sagen, was man will, aber scheiße -
das hat mir gefehlt.
12.7.11 22:01


SECOND KING KONG

So, wer hätte es gedacht, mein Sexualtrieb kehrt zurück - oder besser gesagt, ich habe mir eingestanden, dass ich langsam so weit bin, dass meine angewiderte Denkweise von Yasmin ihn nicht länger unterdrückt.
Der Auslöser dafür war - welch Überraschung - Giucie.

Die stand nämlich vorher mit zerzausten Haaren in einem weiten Herren-Kaschmirpullover, der nicht von mir ist, vor meiner Wohnungstür.
Ich starre sie an, sie starrt zurück.
Eine Minute später kommt ein großer Typ hinter ihr die Treppe rauf, den sie mir als Mäx vorstellt, geschätze sechzehn, aber aus Mädchensicht heraus vermutlich enorm gutaussehend, ordentlich reifer Körperbau und entspannte Haltung. Kurz, jemand, dem man ansieht, was er für Erfahungen bezüglich seines Selbtbewusstseins mit Mädchen gemacht hat.
Kingt das schwul? Ich kann garantieren, ich hab nicht die Ufer gewechselt, aus mir spricht die reine Eifersucht.
Ich habe plötzlich das Bedürfnis, mir das Hemd aufzuknöpfen - nein, besser aufzureißen, und dem kleinen Mann mal ordentlich zu zeigen, mit wem er sich hier angelegt hat.
"Also..", seufzt sie.
"Chris.", stelle ich mich trocken vor.
"Das ist Chris?", fragt der Typ mit einem Blick, der meine Eifersucht zumindest teilweise schnell in selbstzufriedenen Wohlgefallen auflöst. "Alter."
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
"Jo. Falls dir das mehr sagt, Mäx ist der Typ, mit dem ich Tanzkurs machen musste." Klingt geschrieben härter, als es wirkt. Er lächelt sie an. Ich lächel nicht.
"Chris, lass mich mal kurz rein.", unterbricht sie unsere - meine - imaginäre Revierschlacht und schiebt sich erstaunlich elegant an mir vorbei.
"Willst du was trinken?", frage ich den Typ mit deutlichem Hang zur Rhetorik und erwarte ein höfliches Nein.
"Hast du Alkohol?"
Mit den Zähnen knirschend frage ich mich, ob es möglich ist, den Typ irgendwie abzufüllen, komme dann aber auf ein deutliches Nein. Leider an falscher Stelle.
"Wieso bist du eigentlich hier?", frage ich, gebe die Tür frei, indem ich mich in Richtung Wohnzimmer umdrehe, und lasse den Typ quasi erst jetzt wirklich rein.
Giucie hat mein Macbook auf die Sofalehne gestellt, fährt schnell mit zwei Fingern über das Touchpad und verfolgt das Flackern auf dem Bildschirm.
Ich lege beim Anblick ihres Hinterns den Kopf in den Nacken. Scheiße, bin ich notgeil, was das Mädel angeht. Sowas ist mir vor ihr echt absolut noch nie passiert.
"Schon okay, ich habs. Sind ein paar Dateien, die Tino für die Südwestpresse braucht."
Erst jetzt fällt mir der Stick auf, der an der Seite steckt.
"Süße, du weißt, dass das vertraulich ist?"
Sie lacht, das helle Lachen, das ich so liebe.
"Er hätte dich auch fragen können, aber du hättest es sowieso vergessen. Hab mir bei der Gelegenheit übrigens gleich ein paar von den neuen Alben rübergezogen.", antwortet sie, klappt das Macbook zu, zieht den Stick raus, geht in die offene Küche, holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und macht es auf. "Phillip und Arne haben einen richtig fetten Auftrag in Köln bekommen und wollen dich dabeihaben. Er hat dich angerufen, aber anscheinend gehst du nicht mehr an dein Handy."
"Das war Absicht."
"Schön, Absicht umgangen, jetzt weißt dus.", antwortet sie und lacht. Ich will wissen, ob der Typ was mit ihrer guten Laune zu tun hat.
"Achso, eine Sache noch.." Sie zieht zwei Schlüssel aus ihrer Hosentasche. "Das ist Joshs Autoschlüssel und das hier ist dein dritter Wohnungsschlüssel..", ich will gerade Einspruch erheben, als sie einfach weiterredet, "den Josh seit Monaten hat, weil du zu blöd bist, drauf aufzupassen."
"Warte, ich hatte drei? Wo ist der dritte?"
"Verdammt, Chris.", stöhnt sie. "Das würd ich auch mal ganz gerne wissen."
"Und was soll ich mit Joshs Autoschlüsseln?"
"Frag ihn. Das hier ist übrigens die Adresse von dieser Autowerkstatt, in der er letzten Monat Manager geworden ist. Er meinte, du sollst mal vorbeikommen und dich um irgendwas Marketingmäßiges kümmern.", fügt sie hinzu und legt mir einen Post-it-Zettel neben die Schlüssel.
Ich komme mir irgendwie blöd vor.
"Wars das?"
"Was erwartest du denn noch?", fragt sie.
Oh, du.. wenn du schon fragst..
"Keine Ahnung, was tut er denn hier, zum Beispiel?", frage ich.
"Mäx?" Sie zuckt die Schultern. "Wir waren vorher noch am Baggersee, bin sowieso grad vorbeigefahren und musste bei dir vorbei, und er ist eben mitgegangen. Wusste bis vor fünf Minuten nicht, wo er gleich landen wird.", sagt sie und grinst amüsiert.
"Hast du was mit dem?", frage ich gedämpft. Der sitzt währenddessen auf meiner Couch und blättert sich durch mein Journalistenzeug.
"Wir haben beschlossen, uns an Silvester gegenseitig zu entjungfern, sofern wirs bis dahin nicht mit irgendwelchen plötzlich auftauchenden Beziehungen tun werden, aber ansonsten nein, nichts, wo Gefühle im Spiel wären. Gute Freundschaft und reine Neugier.", antwortet sie trocken.
"Achso, ja. Ist der Pullover eigentlich von ihm?"
Sie lächelt mild. "Nein, der ist von dir. Darf ich ein paar Flaschen Bier mitnehmen?"
"Klar. Geht ihr?"
"Muss ich ja, hab nachher noch Tennistraining."
"Achso."
Der Typ steht mit ihrer Handtasche und die Kaschmirstrickjacke in der Hand vor der Tür.
"Giucie,", murmel ich, als sie sich umdreht, "das mit Silvester war aber nicht dein Ernst, oder?"
Sie lacht. "Der Entschluss ist gerade zwei Wochen alt, aber ich glaub, er hat es ernst gemeint."
Ach du scheiße. Abgesehen von einem heftigen Ziehen etwas weiter unten wird mir irgendwie schlecht.
11.7.11 21:04


AUSFALL

Um halb elf verlasse ich, zusammen mit Emma, die Redaktion. Halb elf, verdammt.
Sie stöckelt mir in ihren hohen Schuhen den Bürgersteig hinterher, bis ich vor Joshs Auto stehen bleibe.
"Emma, was machst du?", seufze ich.
"Willst du noch schnell.. was trinken gehen?"
Ich werfe ihr einen halb genervten, halb überraschten Blick zu. Sie beißt sich auf die Lippe. Ich glaube, ich mache sie nervös.
"Wohin willst du?", frage ich.
"Weiß ich nicht, je nachdem, also.." Gegen Ende verliert sich ihre Stimme zu einem Piepsen. Langsam fängt das Spiel an, mir Spaß zu machen.
"Klar." Ich halte ihr mit einer etwas überzogenen Geste die Autotür auf. Sie schaut mich nervös an. Verdammt, was hat das Mädel denn? Sonst ist sie immer hübsch adrett, etepetete mit einer deutlichen Spur Arroganz.
Ich seufze. "Du willst nur nicht alleine nach Hause?"
"Nein.. nein, das ist es nicht."
"Sondern?"
"Chris, hast du einen Führerschein?"
Ich muss lachen, lache und lache, nur, um die Antwort rauszuzögern.
"Nein.", sage ich schließlich.
Sie seufzt, wirft einen prüfenden Blick auf Joshs Wagen.
"Na gut, was solls.", antwortet sie unsicher und steigt ein.

"Weisste, mir is da sowas klargeworden.. ichmein, Chris, ich bin sooo unglaubblich biiieder..", lallt sie.
Ich seufze bei dem Anblick. Wir haben in einer harmlosen Bar angefangen, aber dann wollte sie unbedingt in diesen Club.
"Emma, du hast zu viel getrunken."
"Naaaa..."
"Uuh. Du hast ´ne ordentliche Fahne."
"Sammaa, aber du has doch auch..?"
"Ich vertrag Alkohol ganz gut.", antworte ich trocken und ziehe sie von ihrem Barhocker.
"Mein Glaaass is aber nochnich.. lea..CHRIS!"
Ich stöhne, kippe ihren WodkaTonic und stelle das leere Glas zurück auf die Theke, bevor ich kurz die Getränke bezahle.
"Chris.", jammert sie.
Ich komm mir vor wie mit einem kleinen Kind, und jetzt das - ausgerechnet mit Emma, der biederen, frühreifen Emma, die so gerne Mutter für mich spielt.
"Chris, ich willn Bier.", lallt sie.
Seufzend ziehe ich sie bis zu meinem Auto, setze sie auf den Beifahrersitz und will gerade um das Auto herumgehen, als sie auf der anderen Seite schon wieder die Tür aufreißt und auf die Straße stolpern will.
"EMMA!", rufe ich entnervt, drücke sie zurück in den Sitz, schnalle sie an und ziehe den Gurt fest. Mein Plan geht auf. Sie bekommt in dem Zustand den Gurt nicht wieder gelöst.
Zumindest kurzzeitig erleichtert lasse ich mich auf der Fahrerseite in den Sitz fallen.
"Emma, wo wohnst du?", frage ich.
"Was?"
"Wo du wohnst?"
"Äääh.. weisichnich."
"Wunderbar.", stöhne ich, reiße ihr ihre Handtasche aus den Händen, weil sie sie ums Verrecken nicht hergeben will, und suche ihren Geldbeutel, um irgendwo ihre Adresse zu finden. Der Geldbeutel finde ich nicht, in der Handtasche ist nur ihr Handy. Neben mir fängt das Gezeter an, als ich anfange, dessen Adressliste durchzublättern.
"Sei mal bitte einen Moment ruhig, ja?", seufze ich. "Wo ist dein Geldbeutel?"
Sie schaut mich durch verschleierte Augen an.
"Weisichnich."
"Personalausweis?"
"Häääh?"
"Wo ist dein Personalausweis?"
"Äääh.. weisichnich."
Stöhnend schlage ich mir eine Hand vor den Kopf. Einfach hierlassen kann ich sie natürlich nicht, obwohl das für mich ziemlich amüsant wäre.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als sie mitzunehmen.
Noch auf der Autofahrt rutscht ihr Kopf auf meinen Arm, den ich auf der Gangschaltung hab. Als ich auf der Straße vor dem Altbauhaus stehe und sie vorsichtig aus dem Auto hebe, um sie nicht zu wecken, hab ich einen faszinierend großen Sabberfleck auf dem Hemd.

Oben in der Wohnung wacht sie wieder auf, nachdem ich sie drei verdammte Etagen auf den Armen hochgetragen hab.
Glücklicherweise weiß ich aus Erfahrung, wie man mit Besoffenen umzugehen hat, sodass ich sie ziemlich schnell ruhig und ins Bett bekomme.
In mein Bett, wo sie natürlich sofort einpennt.
Ich setzte mich mit einer Flasche Rotwein und einer Kippenpackung auf die Couch, ziehe meinen Laptop auf meinen Schoß, fange an, noch ein bisschen zu schreiben, und denke mir, während ich so vor mich hinqualme, dass es ein Jammer ist, dass sie sich morgen an nichts mehr erinnern wird.
8.7.11 23:01


ALWAYS THE SAME

Ich hab wieder angefangen zu Boxen und es dabei gestern geschafft, Al nach einer Viertelstunde gegenseitigem Fresse-Einschlagen versehendlich die Nase zu brechen.
Giucie war leider dabei.
Mittlerweile hab ich Schiss davor, dass sie Angst kriegen könnte, dass ich ihr gegenüber irgendwann mal richtig aggressiv werde und sie verletze.

Nachdenklich sitze ich auf meiner Couch, starre den Fernseher an, der wie so oft auf stumm gestellt ist, und rauche. Hänge meinen Gedanken nach, ohne zu wissen, worauf ich eigentlich hinauswill.
Vielleicht sollte ich mich erkundigen, wie es Al geht, aber ich fühl mich nicht in der Lage dazu. Ich bin angetrunken, mein Rücken schmerzt. Wie so oft. Als ich versuche, aufzustehen, folgt auf leichte Benommenheit ein Schwindelgefühl, kurz darauf wird plötzlich alles schwarz.
Um größere Unfälle zu vermeiden, lasse ich mich zurück in die Couch fallen. Scheiße. Gerade, als ich beschließe, einen zweiten, ziellosen Versuch zu starten, klingelt mein Telefon. Ich fische es aus dem Berg, der meinen Couchtisch belagert, und melde mich energisch.
Es ist mein Cousin Daniel, ausgerechnet jetzt. Er scheint sich zu freuen, mich zu hören. Ich nicht.
Still fluchend reibe ich mir die Schläfen und versuche, das Rauschen in der Leitung zu ignorieren, weil es meine Kopfschmerzen verschlimmert.
"Dan, wo bist du?"
"Im Zug, wieso?"
Das erklärt das Rauschen.
"Chris, hast du getrunken?"
"Ein bisschen.", antworte ich.
Er seufzt. "Hör zu, übermorgen sind wir bei Silvie, die feiert Geburtstag und wollte unbedingt, dass du kommst."
"Ach scheiße, muss das sein?"
"Chris, komm schon! Wer weiß, wie viele Geburtstage sie noch erlebt!", antwortet er.
Genug, denke ich, weiß aber jetzt schon, dass ich kommen werde. Silvie ist meine Oma, und ich habe zu viele gute Erinnerungen aus meiner Kindheit an sie, um mich nicht blicken zu lassen.
Das Schlimmste daran ist, dass ich nüchtern sein werde.
5.7.11 18:57


KEPT UP

Ich bin um kurz vor elf völlig entnervt heimgekommen und hab im Flur gleich mal Frau Hildebrand getroffen, die mich auf zwei Dinge aufmerksam machen wollte, die sie für unglaublich wichtig hielt.
Erstens. Sie heißt ernsthaft Hilde Brand, nicht Frau Hildebrand. Schön.
Zweitens. Ich solle mein Sexualleben doch bitte demnächst wieder etwas ruhiger ausleben.
Verdammte Scheiße, irgendwann bringen mich die Nachbarn noch auf den Punkt, dass ich durchs ganze Treppenhaus brülle, dass ich dank eines kleinen Missgeschicks zurzeit leider keinen Sex habe und darüber hinaus ganz glücklich wäre, mich nicht dauernd für etwas anscheissen lassen zu müssen, für das ich nicht verantwortlich bin.
Schlimm genug, dass alle das für mein Sexualleben halten, aber wieso hört das ganze Haus Lärm, den ich gar nicht mitbekomme??

Spätestens, als ich endlich in meiner Wohnung stehe, bemerke ich nebenbei die unterschwellige Aggressivität, die schon wieder in meiner Laune mitschwingt. Mittlerweile bin ich sie gewohnt. Manchmal komme ich mir echt vor wie dieser Dr. Cox in Scrubs - ich glaube, ich hätte Potenzial zum Zyniker.
Ich sollte wieder anfangen, zu Boxen.

Achso, ich hab es übrigens gestern geschafft, mich zusammenzureißen, auch wenns mir schwer gefallen ist. Der "Joint danach" hat das Problem nur noch vergrößert, statt mich großartig zu entspannen, aber für entsprechende Maßnahmen war ich eindeutig zu fertig.
3.7.11 01:41


SAME URGE AGAIN

Als ich Giucie abhole, muss ich zweimal hinschauen.
Sie trägt ein Kleid. Ich hab sie das letzte Mal an ihrem Tanzkurs-Abschlussball im Winter in einem Cocktailkleid gesehen. Das hier übertrifft das schöne schwarze Cocktailkleid aber um Längen.
Es ist lässiger, mit einem beige-dunkelbraunen Muster, in einer schönen Wickeloptik. Über die Hüfte hat sie in einer lockeren Schleife einen Stoffgürtel desselben Musters geknotet, das ihre schmale Taille betont. Und ihren Ausschnitt.
Ich merke, dass ich sie anstarre, aber ich kriege meinen Blick nicht von ihr weg. Sie erregt meine ganze Aufmerksamkeit, und nebenbei noch ein bisschen mehr.
"Ja, Chris, das ist ein Kleid.", lächelt sie. "Hey. Ich bin hier oben."
"Was? Oh, sorry."
Scheiße, das Ding bringt mich aus dem Konzept.
"Findest dus so schlimm?"
"Was? Nein, nein, es ist.. wunderschön. Ich mein, wow. Scheiße, Kleine!" Ich muss lachen, mehr aus Verlegenheit als aus Belustigung. "Verdammt, du siehst.. gut aus."
"Danke.", antwortet sie, offensichtlich amüsiert.
"Wohin willst du eigentlich?", frage ich.
"Fahr mal zu dir, ich bin echt fertig, und du bist sowieso lieber zu Hause, und widersprich nicht, ich weiß das. Hey, was is denn los mit dir? Entspann dich mal, alles okay.", lächelt sie.
Ha. Der war gut. Wie soll ich mich denn entspannen, wenn sie in dem Ding neben mir sitzt??
Noch im Auto erwische ich mich dabei, wie ich mit einem prüfenden Seitenblick auf die Kleidträger feststelle, dass das die Art von Kleid ist, die man sehr.. elegant ausziehen kann, wenn man es drauf anlegt.

In meiner Wohnung wird es nicht unbedingt besser. Die alte Kifferin aus dem Erdgeschoss starrt ihr eifersüchtig nach, und ich starre ihr eine Minute später sehnsüchtig auf den Nacken, als sie in der Küche nach irgendetwas Trinkbarem sucht.
Und - natürlich - Alkohol findet. Ich erkläre ihr, dass ich nichts trinken werde, und fange mir einen überraschten Blick ein.
"Wieso?", fragt sie und sieht besorgt aus. "Jetzt erzähl mir nicht, du wärst letztendlich doch Alkoholiker geworden und müsstest komplett trocken bleiben."
Nicht direkt. Ja, ich trinke zu viel, vor allem wenn ich einmal angefangen habe, aber vor allem hab ich mir gerade auf der Treppe geschworen, nichts mehr zu trinken, solange sie hier ist. Ich bin total aus der Fassung. Ich sehs schon kommen, dass ich mich vergesse.
"Das nicht, aber Trinken ist Trinken und ich hab genug gesoffen die letzen Wochen.", antworte ich.
Ich weiß nicht, was sie macht, auf jeden Fall verschwindet sie kurz im Nebenzimmer.
Ich stecke mir eine Kippe an, nehme einen tiefen Zug, versuche, mich wieder in den Griff zu kriegen, und schließe resigniert die Augen, als mir statt dem geplanten Seufzer ein leichtes Stöhnen entfährt.
Das wird hart heute abend.
2.7.11 00:29


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